Author: Fabio Huwyler

  • Ich trage jetzt ein externes Gedächtnis am Finger

    Ich trage jetzt ein externes Gedächtnis am Finger

    Vor kurzem ist meine Pebble Time 2 bei mir eingezogen. Und jetzt hat sie Gesellschaft bekommen: Seit heute trage ich zusätzlich den Pebble Index 01 am Finger.

    Wobei «Smart Ring» hier vielleicht etwas falsche Erwartungen weckt. Denn wer beim Index 01 an einen Oura Ring denkt, liegt ziemlich daneben.

    Der Ring misst keinen Puls. Er analysiert meinen Schlaf nicht. Er zählt keine Schritte. Er kennt meinen Stresslevel nicht und versucht auch nicht herauszufinden, ob ich mich heute genügend bewegt habe.

    Eigentlich kann er nur eine Sache:

    Ich drücke einen Knopf und sage etwas, das ich nicht vergessen möchte.

    Und genau deshalb finde ich ihn so spannend.

    Ein Knopf gegen das Vergessen

    Pebble bezeichnet den Index 01 als «External memory for your brain». Das klingt natürlich wunderbar nach Tech-Marketing – beschreibt die Idee aber erstaunlich gut.

    Im Ring stecken unter anderem ein Mikrofon, Speicher, Bluetooth und ein physischer Knopf. Wenn mir etwas durch den Kopf geht, halte ich den Knopf gedrückt und spreche es aus.

    «Denk daran, morgen Peter anzurufen.»

    «Milch kaufen.»

    «Idee für einen Blogpost: Warum Geräte nicht immer mehr Funktionen brauchen.»

    Danach lasse ich den Knopf wieder los.

    Die Aufnahme landet über mein Smartphone in der Pebble-App, wird transkribiert und kann dort als Notiz oder Erinnerung weiterverarbeitet werden. Je nach Plattform und Konfiguration sind auch weitere Aktionen und Integrationen möglich.

    Das Entscheidende daran ist für mich aber gar nicht unbedingt, was danach passiert.

    Es ist der Moment davor.

    Ich muss mein Smartphone nicht aus der Tasche nehmen. Ich muss keine App öffnen. Ich muss nicht Siri aufrufen. Ich muss nicht zuerst entscheiden, wo ich diesen Gedanken eigentlich speichern möchte.

    Knopf drücken. Sprechen. Fertig.

    Technologie darf auch langweilig sein

    Das gefällt mir generell an der neuen alten Pebble-Welt.

    Die Pebble Time 2 versucht nicht, ein Smartphone fürs Handgelenk zu sein. Und der Index 01 versucht nicht einmal, eine besonders beeindruckende Smartwatch ohne Display zu sein.

    Er ist ein Knopf mit Mikrofon an meinem Finger.

    Das klingt fast absurd simpel.

    Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

    Wir haben uns bei Technologie ziemlich daran gewöhnt, dass jedes neue Gerät möglichst viel können muss. Ein Ring braucht plötzlich Gesundheitsfunktionen, Schlaftracking, KI-Auswertungen und möglichst viele Sensoren.

    Pebble geht hier in die andere Richtung.

    Der Index 01 hat nicht einmal einen Vibrationsmotor oder einen Lautsprecher. Er kann mir also nichts mitteilen. Er ist praktisch ausschliesslich ein Eingabegerät.

    Ich finde diese Idee faszinierend: Ein Gadget muss nicht möglichst viele Probleme lösen. Vielleicht reicht es, ein sehr kleines Problem so bequem zu lösen, dass ich das Gadget tatsächlich benutze.

    Und ich muss ihn nicht aufladen

    Noch ungewöhnlicher ist die Stromversorgung.

    Der Index 01 wird nicht aufgeladen.

    Gar nicht.

    Pebble spricht von einer Batterielaufzeit von mehreren Jahren. Bei den bisherigen Tests wurden im Durchschnitt ungefähr eine Minute Gedanken pro Tag aufgenommen; bei einer solchen Nutzung rechnet Pebble derzeit mit rund drei Jahren Batterielaufzeit.

    Danach ist allerdings Schluss. Die Batterie lässt sich nicht vom Benutzer austauschen oder wieder aufladen.

    Das ist gleichzeitig eine der interessantesten und fragwürdigsten Designentscheidungen des Produkts.

    Auf der einen Seite bedeutet es: Ich muss nie daran denken, meinen Ring aufzuladen. Und gerade bei einem Gerät, dessen eigentliche Stärke darin besteht, immer verfügbar zu sein, ergibt das Sinn. Ein externes Gedächtnis hilft mir wenig, wenn es gerade auf dem Nachttisch am Ladekabel hängt.

    Auf der anderen Seite kaufe ich damit bewusst ein elektronisches Gerät mit begrenzter Lebensdauer.

    Ich weiss noch nicht, wie ich das langfristig finde.

    Ein Mikrofon am Finger?

    Natürlich gibt es noch einen anderen Punkt, der bei einem solchen Produkt sofort auffällt: Ich trage jetzt tatsächlich ein Mikrofon an meiner Hand.

    Pebble hat sich deshalb für eine ziemlich nachvollziehbare Lösung entschieden: Der Ring kann nur aufnehmen, solange der physische Knopf gedrückt wird.

    Kein Wake Word. Kein ständig lauschendes Mikrofon.

    Auch die Verarbeitung lässt sich besonders datensparsam konfigurieren. Pebble bietet inzwischen eine lokale Variante an, bei der sowohl Spracherkennung als auch KI-Verarbeitung auf dem Smartphone stattfinden können. Cloud-Backups sind ebenfalls optional.

    Das ist für mich ein wichtiger Unterschied zu der gerade entstehenden Kategorie von «AI Wearables», die möglichst viel von meinem Leben mitbekommen sollen.

    Der Index 01 soll gerade nicht mein Leben aufzeichnen.

    Er soll einen Gedanken auffangen, wenn ich ihn ihm bewusst gebe.

    Eigentlich ziemlich passend für mein Gehirn

    Und wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb mich das Konzept so anspricht.

    Mein Problem ist selten, dass ich keine Möglichkeit hätte, etwas aufzuschreiben.

    Ich habe ein Smartphone. Eine Smartwatch. Erinnerungen. Kalender. Notizen. To-do-Apps. Computer. Tablets.

    An Möglichkeiten mangelt es wirklich nicht.

    Das Problem sind die paar Sekunden zwischen:

    «Oh, daran muss ich später denken.»

    und

    «Was wollte ich gerade noch machen?»

    Oder ich nehme das Smartphone hervor, um einen Gedanken festzuhalten, sehe eine Nachricht, beantworte sie, öffne noch kurz etwas anderes und fünf Minuten später habe ich vergessen, weshalb ich das Smartphone überhaupt in der Hand halte.

    Der Index 01 versucht nicht, dieses Problem mit einer besseren To-do-App zu lösen.

    Er verkürzt einfach den Weg zwischen Gedanke und Festhalten des Gedankens.

    Und das könnte tatsächlich funktionieren.

    Noch ist das alles ziemlich Pebble

    Man sollte allerdings nicht vergessen, dass der Index 01 ein Produkt der ersten Generation ist.

    Pebble selbst kommuniziert das erstaunlich offen. Die Software sei neu und werde noch für Monate oder sogar Jahre Fehler und Ecken haben. Auch erste Nutzerberichte zeigen: Die Grundidee scheint gut zu funktionieren, aber Software, Bedienung und Verarbeitung sind noch nicht überall perfekt.

    Das gehört momentan wohl zum Pebble-Erlebnis dazu.

    Man kauft hier kein bis ins letzte Detail poliertes Produkt eines gigantischen Elektronikkonzerns.

    Man kauft etwas, das ein bisschen experimentell ist.

    Dafür ist vieles offen. Die Pebble-App ist Open Source, und fortgeschrittene Nutzer können Aufnahmen oder Transkriptionen über Webhooks und MCP sogar an eigene Systeme weiterreichen.

    Und spätestens an diesem Punkt beginnt mein Kopf natürlich bereits darüber nachzudenken, was ich damit alles anstellen könnte.

    Was vermutlich exakt das Gegenteil davon ist, einfach nur einen simplen Ring zu benutzen.

    Pebble am Handgelenk und am Finger

    Mit der Pebble Time 2 am Handgelenk und dem Index 01 am Finger habe ich jetzt jedenfalls eine ziemlich eigenartige Kombination kleiner Computer an meinem Körper.

    Und irgendwie gefällt mir daran besonders, dass beide Geräte nicht versuchen, möglichst unsichtbare Smartphones zu sein.

    Die Pebble Time 2 ist eine Uhr.

    Der Index 01 ist ein Knopf für meine Gedanken.

    Mehr muss er eigentlich nicht sein.

    Ob dieser Knopf tatsächlich zu einem selbstverständlichen Teil meines Alltags wird, kann ich nach so kurzer Zeit natürlich noch nicht sagen. Vielleicht liegt der Ring irgendwann unbenutzt herum. Vielleicht nervt mich das Sprechen mit meiner Hand. Vielleicht stellt sich heraus, dass ich doch lieber schnell etwas auf meiner Uhr oder meinem Smartphone festhalte.

    Oder vielleicht passiert genau das Gegenteil.

    Vielleicht drücke ich irgendwann ganz selbstverständlich auf diesen kleinen Knopf, sobald ein Gedanke auftaucht, den mein zukünftiges Ich noch brauchen könnte.

    Und dann wäre «External memory for your brain» plötzlich gar kein so übertriebener Werbespruch mehr.

  • 39 Dinge, die ich mit 39 anders sehe

    39 Dinge, die ich mit 39 anders sehe

    Heute werde ich 39.

    Ich weiss nicht genau, wie sich 39 anfühlen sollte. Vermutlich ist das bereits eine meiner Erkenntnisse der letzten Jahre: Die meisten Alterszahlen fühlen sich von innen erstaunlich unspektakulär an. Als Kind hatte ich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Erwachsene mit 30, 40 oder 50 sein würden. Sie würden wissen, was sie tun. Sie hätten ihr Leben eingerichtet, wichtige Entscheidungen getroffen und vermutlich Antworten auf die meisten Fragen gefunden. Inzwischen bin ich diesem ominösen 40 ziemlich nahe und kann sagen: Das war eine Fehleinschätzung. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.

    Natürlich habe ich in den vergangenen 39 Jahren einiges gelernt. Ich weiss heute mehr über mich, über andere Menschen und darüber, was mir wichtig ist. Ich habe Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, Dinge ausprobiert, mich verliebt, mich geärgert, Menschen kennengelernt und verloren, gearbeitet, Projekte begonnen und wieder aufgegeben. Ich habe Entscheidungen getroffen, bei denen ich heute froh bin, dass ich sie getroffen habe. Andere würde ich heute vermutlich anders treffen. Und bei einigen werde ich nie erfahren, ob die Alternative besser gewesen wäre. Vor allem aber habe ich meine Meinung geändert. Und das meine ich nicht nur bei den grossen Dingen. Auch bei erstaunlich banalen. Bequeme Schuhe sind beispielsweise deutlich wichtiger geworden, als mein jüngeres Ich vermutlich akzeptiert hätte. Zu Hause zu bleiben kann ein hervorragender Samstagabend sein. Und ein freier Nachmittag, an dessen Ende ich nichts vorzuweisen habe, war deswegen nicht verschwendet.

    Andere Veränderungen gehen etwas tiefer. Ich dachte früher beispielsweise häufiger in Entweder-oder. Heute glaube ich, dass erstaunlich viele Dinge gleichzeitig wahr sein können. Ich kann dankbar für mein Leben sein und mir trotzdem wünschen, dass manches anders wäre. Ich kann einen Menschen lieben und gleichzeitig wütend auf ihn sein. Ich kann eine Entscheidung für richtig halten und trotzdem traurig über ihre Konsequenzen sein. Zwei widersprüchliche Gefühle müssen sich nicht gegenseitig aufheben. Vielleicht gehört das für mich zum Älterwerden: Die Zwischentöne werden interessanter.

    Auch mein Verhältnis zu Erfolg hat sich verändert. Eine Idee muss kein grosses Projekt werden. Ein Projekt muss nicht Tausende Menschen erreichen. Etwas, das zwanzig Menschen Freude macht oder hilft, kann genauso seine Berechtigung haben wie etwas, das zwanzigtausend erreicht. Und manchmal darf ich sogar etwas bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten. Vielleicht sogar einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das klingt rückblickend ziemlich selbstverständlich. War es für mich aber nicht immer. Ähnlich ist es mit Verantwortung. Ich dachte lange, kompetente Menschen hätten Antworten. Je mehr Verantwortung ich selbst übernehme, desto weniger glaube ich daran. Vielleicht zeigt sich Kompetenz manchmal gerade darin, sagen zu können: Das weiss ich nicht. Da habe ich mich geirrt. Das müssen wir herausfinden.

    Und vielleicht ist das eine der Erkenntnisse, die sich durch besonders viele meiner 39 Punkte zieht: Ich muss nicht fertig sein. Ich muss nicht dieselbe Version von mir bleiben. Ich darf meine Meinung ändern, auch wenn ich sie früher sehr selbstbewusst vertreten habe. Ich darf Entscheidungen treffen, die nur für jetzt gelten. Und ich muss nicht der Mensch werden, von dem ich irgendwann einmal dachte, dass ich ihn mit 39 darstellen würde. Darum habe ich zu meinem Geburtstag 39 Dinge gesammelt, die ich heute anders sehe als früher. Manche sind Erkenntnisse, die lange gebraucht haben. Andere sind banal. Einige nehme ich sehr ernst, bei anderen muss ich selbst ein bisschen schmunzeln. Und wahrscheinlich werde ich einige davon mit 49 wieder anders sehen.

    1. Man kann jemanden lieben und gleichzeitig wütend auf diesen Menschen sein.
    2. Enttäuscht zu sein bedeutet manchmal auch, dass meine Erwartungen nicht realistisch waren.
    3. Ich muss nicht jede Version von mir für immer bleiben.
    4. Ich darf meine Meinung ändern. Auch bei Dingen, bei denen ich früher sehr überzeugt war.
    5. Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, auf alles eine Antwort haben zu müssen.
    6. Fehler zuzugeben macht einen nicht automatisch weniger kompetent.
    7. Nicht aus jeder guten Idee muss ein Projekt werden.
    8. Und nicht aus jedem Projekt muss etwas Grosses werden.
    9. Etwas für 20 Menschen zu machen kann genauso sinnvoll sein wie etwas für 20’000.
    10. Man darf etwas einfach machen, weil es Spass macht.
    11. Ich muss mich nicht für eine Sache entscheiden, die mich definiert.
    12. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.
    13. Man kann gleichzeitig dankbar für sein Leben sein und sich wünschen, dass manches anders wäre.
    14. Glück fühlt sich viel unspektakulärer an, als ich früher erwartet habe.
    15. Rituale werden mit zunehmendem Alter wichtiger statt langweiliger.
    16. Die Vergangenheit erklärt einiges, aber sie entscheidet nicht automatisch über die Zukunft.
    17. Es gibt Entscheidungen, bei denen man nie erfahren wird, ob die Alternative besser gewesen wäre.
    18. Zu Hause bleiben kann ein vollkommen gelungener Samstagabend sein.
    19. Bequeme Schuhe sind wichtiger geworden, als mein jüngeres Ich akzeptiert hätte.
    20. Man braucht erstaunlich wenig Besitz – und schafft es trotzdem, erstaunlich viel anzusammeln.
    21. Ein freier Nachmittag ohne Plan ist kein verschwendeter Nachmittag.
    22. Man darf Dinge mögen, die andere albern finden.
    23. Geburtstage müssen sich nicht bedeutsam anfühlen, um bedeutsam zu sein.
    24. Es ist möglich, zwei widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zu haben – ohne dass eines davon falsch ist.
    25. Nähe entsteht nicht unbedingt dadurch, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen.
    26. Liebe zeigt sich erstaunlich oft in vollkommen unspektakulären Dingen.
    27. Es ist leichter, anderen einen Neuanfang zuzugestehen, wenn man sie nicht ständig an ihre Vergangenheit erinnert.
    28. Eine Entscheidung muss nicht für immer gelten, um heute richtig zu sein.
    29. Manchmal bemerkt man erst im Rückblick, dass man gerade eine ziemlich wichtige Zeit erlebt hat.
    30. Man darf stolz auf etwas sein, ohne es sofort relativieren zu müssen.
    31. Neugier ist mir inzwischen wichtiger als Recht haben.
    32. Meine erste Reaktion ist nicht immer meine eigentliche Meinung.
    33. Menschen brauchen nicht immer eine Lösung. Manchmal brauchen sie jemanden, der die Situation mit ihnen aushält.
    34. Helfen bedeutet nicht automatisch, etwas für jemanden zu erledigen.
    35. Ich darf Dinge bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten.
    36. Ich möchte nicht jünger sein. Ich möchte nur manchmal mehr Zeit haben.
    37. Ich fühle mich nicht wie 39. Aber ich weiss auch nicht, wie 39 sich eigentlich anfühlen sollte.
    38. Ich muss nicht der Mensch werden, den ich mir mit 20 vorgestellt habe.
    39. 39 ist viel weniger alt, als 20-jährige Menschen glauben.

    Wenn ich diese Liste anschaue, fällt mir auf, dass sie gar nicht besonders gut als Liste von Lebensweisheiten taugt. Zum Glück. Denn ich möchte mit 39 ganz bestimmt keine 39 Regeln darüber aufstellen, wie man sein Leben richtig lebt. Es sind Momentaufnahmen. Dinge, die ich heute glaube. Dinge, die meine Erfahrungen mit mir gemacht haben. Manche davon habe ich auf angenehme Weise gelernt, andere weniger. Einige hätte mir vermutlich schon vor zwanzig Jahren jemand sagen können und ich hätte trotzdem meine eigenen Umwege gebraucht, um sie wirklich zu verstehen. Vielleicht gefällt mir gerade das am Älterwerden zunehmend: Ich muss meinem früheren Ich nicht ständig vorwerfen, dass es Dinge noch nicht wusste. Es wusste eben das, was es damals wissen konnte.

    Und das gilt auch andersherum. Mein heutiges Ich weiss nicht, was mein zukünftiges einmal wissen wird. Vielleicht werde ich mit 49 über einige Punkte auf dieser Liste lachen. Vielleicht werde ich einen davon lesen und denken: Wie konnte ich davon nur so überzeugt sein? Vielleicht kommen Dinge dazu, die ich mir heute noch überhaupt nicht vorstellen kann. Das hoffe ich sogar. Denn ich möchte nicht an einem Punkt ankommen, an dem meine Ansichten fertig sind. Ich möchte neugierig bleiben. Mich überraschen lassen. Meine Meinung ändern können. Fehler machen und daraus manchmal tatsächlich etwas lernen. Neue Dinge ausprobieren, obwohl andere sie besser können. Und weiterhin feststellen, dass manches im Leben gleichzeitig schön und schwierig sein darf.

    39 fühlt sich für mich deshalb weniger wie eine Bilanz an als wie ein Zwischenstand. Ich möchte nicht wieder 20 sein. Wirklich nicht. Ich würde höchstens gerne etwas von der Zeit zurückhaben, die damals scheinbar unbegrenzt vor mir lag. Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht auf all das verzichten, was zwischen 20 und 39 passiert ist. Auf das Schöne genauso wenig wie auf manches, das ich mir lieber erspart hätte. All das gehört inzwischen zu mir.

    Und so starte ich heute in mein vierzigstes Lebensjahr. Nicht fertig, nicht mit allen Antworten und ziemlich sicher auch nicht mit der endgültigen Version dieser Liste.

    Aber immerhin mit bequemen Schuhen.

    Und das ist doch schon mal etwas.

  • Wir beginnen nie bei null

    Wir beginnen nie bei null

    Manchmal wünsche ich mir einen Reset-Knopf. Nicht unbedingt, weil ich alles anders machen möchte. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich mag vieles von dem, was mich heute ausmacht. Aber die Vorstellung hat trotzdem etwas Verlockendes: eine Situation einfach einmal betrachten zu können, ohne bereits eine Meinung dazu zu haben. Einem Menschen begegnen, ohne sich an das letzte schwierige Gespräch zu erinnern. Eine neue Aufgabe beginnen, ohne an frühere Fehler zu denken. Eine Entscheidung treffen, ohne dass irgendwo im Hinterkopf schon eine Stimme aufzählt, was alles schiefgehen könnte.

    Aber diesen Reset-Knopf gibt es nicht. Wir beginnen nie bei null. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie viel wir ständig mit uns herumtragen. Erfahrungen, Erinnerungen, Erfolge, Fehler, Enttäuschungen, Begegnungen, Abschiede. Dinge, die wir irgendwann gelernt haben. Dinge, von denen wir dachten, wir hätten sie gelernt. Dinge, die wir gerne wieder verlernen würden. Vielleicht ist das dieser berühmte Rucksack, von dem immer wieder gesprochen wird. Wobei ich das Bild vom Rucksack lange etwas negativ fand. Als wäre alles, was wir aus unserer Vergangenheit mitbringen, automatisch Ballast.

    Dabei steckt darin ziemlich viel Gutes. In meinem Rucksack sind Menschen, von denen ich etwas gelernt habe. Gespräche, die mich verändert haben. Situationen, die schwierig waren und von denen ich heute weiss: Ich habe sie überstanden. Da sind Fehler, die ich wahrscheinlich nicht noch einmal machen würde. Erfahrungen aus meinem Beruf. Aus Beziehungen. Aus Freundschaften. Aus Projekten, die funktioniert haben – und aus solchen, die ziemlich spektakulär nicht funktioniert haben. All das hilft mir heute. Wenn ich vor einer neuen Aufgabe stehe, beginne ich eben nicht mehr bei null. Wenn ich Verantwortung übernehme, bringe ich Erfahrungen damit mit. Wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, weiss ich inzwischen ein bisschen besser, was mir liegt und was nicht. Wenn etwas schiefgeht, kenne ich vielleicht sogar schon das Gefühl, das danach kommt. Das ist eine ziemlich grossartige Sache am Älterwerden: Wir sammeln nicht nur Jahre. Wir sammeln Orientierung.

    Nur hat die Sache einen Haken. Denn im selben Rucksack liegen auch die anderen Dinge. Enttäuschungen zum Beispiel. Verletzungen. Situationen, in denen Vertrauen nicht belohnt wurde. Momente, in denen wir uns vorgenommen haben: Das passiert mir nicht noch einmal. Und manchmal sind diese Erfahrungen erstaunlich laut. Dann passiert heute etwas – und wir reagieren nicht nur auf das, was heute passiert. Ein Satz erinnert uns an einen anderen Satz. Eine Situation fühlt sich plötzlich verdächtig bekannt an. Jemand enttäuscht uns und bekommt vielleicht ungewollt auch noch etwas von der Enttäuschung ab, die andere Menschen vor Jahren verursacht haben.

    Je länger wir einen Menschen kennen, desto voller kann dieser gemeinsame Rucksack werden. Irgendwann besteht eine Beziehung – ganz egal ob Partnerschaft, Freundschaft, Familie oder Zusammenarbeit – nicht mehr nur aus dem, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht. Da sind all die vorherigen Begegnungen ebenfalls im Raum. Das kann wunderschön sein. Ein Blick reicht, und beide wissen, was gemeint ist. Ein Satz erinnert an eine Geschichte von vor zehn Jahren. Man kennt Eigenheiten, Schwächen und Stärken des anderen. Aber manchmal sitzt eben auch die Vergangenheit mit am Tisch.

    Vielleicht ist eine der schwierigsten Aufgaben beim Älterwerden deshalb, unsere Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne ihnen automatisch recht zu geben. Nur weil etwas einmal schiefgegangen ist, muss es nicht wieder schiefgehen. Nur weil mich jemand einmal enttäuscht hat, bedeutet das nicht, dass ich von nun an jede Handlung durch diese Enttäuschung betrachten muss. Nur weil ich bei etwas einmal gescheitert bin, bin ich nicht zum Scheitern verdammt. Und nur weil ich glaube, eine Situation wiederzuerkennen, bedeutet das nicht, dass ich bereits weiss, wie sie ausgehen wird.

    Das gilt auch für die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen. «Das kann ich nicht.» «So bin ich eben.» «Damit hatte ich schon immer Mühe.» Solche Sätze können irgendwann erstaunlich stabil werden. Vielleicht waren sie sogar einmal wahr. Aber Menschen sind keine abgeschlossenen Projekte. Die Person, über die ich vor zehn Jahren etwas gelernt habe, existiert so heute gar nicht mehr. Selbst wenn diese Person ich selbst bin. Vielleicht bedeutet Erfahrung deshalb nicht nur, aus der Vergangenheit zu lernen. Vielleicht gehört auch dazu, ihr gelegentlich zu widersprechen. Zu sagen: Ja, das habe ich erlebt. Ja, das hat mich geprägt. Ja, deshalb reagiere ich heute manchmal so, wie ich reagiere. Aber es ist nicht die einzige Möglichkeit.

    Ich kann meinen Rucksack nicht einfach ausleeren. Und inzwischen glaube ich auch nicht mehr, dass ich das möchte. Zu viel von dem, was darin liegt, gehört zu mir. Schönes und Schwieriges. Erfolge und Fehler. Menschen, die geblieben sind, und Menschen, die irgendwann verschwunden sind. Dinge, auf die ich stolz bin, und Dinge, die ich heute anders machen würde. Vielleicht geht es vielmehr darum, gelegentlich hineinzuschauen. Was trage ich da eigentlich mit mir herum? Was davon hilft mir heute noch? Was schützt mich? Und was ist inzwischen einfach nur schwer?

    Manches werden wir vermutlich unser ganzes Leben mit uns tragen. Aber vielleicht können wir lernen, es anders zu tragen. Vielleicht können wir manches irgendwann auspacken. Und vielleicht entdecken wir dabei sogar Dinge, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass sie ebenfalls darin liegen. Mut zum Beispiel. Die Erinnerung daran, dass wir schon einmal etwas geschafft haben. Oder die Erfahrung, dass ein Ende manchmal gleichzeitig ein Anfang war.

    Wir können unsere Geschichte nicht löschen. Und wahrscheinlich wäre das auch gar nicht so erstrebenswert. Denn ohne all das, was vorher war, wären wir nicht die Menschen, die heute vor der nächsten Entscheidung, dem nächsten Menschen, der nächsten Aufgabe oder dem nächsten Kapitel stehen. Wir beginnen nie bei null. Aber vielleicht ist genau das die gute Nachricht. Denn neu anzufangen bedeutet nicht, alles vergessen zu müssen, was vorher war. Es bedeutet auch nicht, wieder der Mensch werden zu müssen, der man einmal war. Wir dürfen alles mitnehmen, was wir gelernt haben. Wir dürfen manches zurücklassen. Und wir dürfen unterwegs unsere Meinung darüber ändern, was davon was ist.

    Wir beginnen zwar nie bei null. Aber wir dürfen trotzdem immer wieder neu anfangen.

  • Verantwortung fühlt sich heute anders an

    Verantwortung fühlt sich heute anders an

    Vor ein paar Wochen habe ich die Zusage für eine neue Aufgabe erhalten: Nach den Sommerferien werde ich die Teamleitung des Internats an der Sprachheilschule Wabern übernehmen. Ich freue mich sehr darauf. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich diese Vorfreude mit einer grossen Portion Respekt verbinde. Nicht, weil ich Angst vor der Aufgabe habe, sondern weil ich weiss, dass Führung immer auch bedeutet, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Und je näher der Start rückt, desto mehr denke ich darüber nach, was Verantwortung für mich eigentlich bedeutet.

    Das Spannende ist, dass dies nicht meine erste Führungsaufgabe ist. Vor vielen Jahren durfte ich bereits einmal ein kleines Team leiten. Damals war ich deutlich jünger und überzeugt, dass gute Führung vor allem bedeutet, kompetent zu wirken, Entscheidungen zu treffen und möglichst alles im Griff zu haben. Rückblickend war ich für diese Aufgabe noch nicht bereit. Nicht, weil ich ungeeignet gewesen wäre, sondern weil ich selbst noch auf der Suche nach meiner eigenen Sicherheit war. Ich wollte es allen recht machen, stellte meine eigenen Ansprüche oft über meine eigenen Grenzen und hatte ständig das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich diese Rolle verdiene. Irgendwann wurde mir klar, dass mich diese Aufgabe mehr Kraft kostete, als sie mir gab. Das einzugestehen war damals schwierig. Heute empfinde ich genau diese Erfahrung als eine der wertvollsten überhaupt.

    In den Jahren danach ist viel passiert. Ich habe weiter als Sozialpädagoge gearbeitet, Kinder und Jugendliche begleitet, Konflikte erlebt, schwierige Gespräche geführt und gelernt, dass Beziehungen fast nie so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Ich durfte neue Mitarbeitende begleiten, Projekte übernehmen, Verantwortung tragen und vor allem beobachten, was Teams stark macht – und was eben nicht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich selbst ruhiger geworden bin. Ich muss nicht mehr auf alles sofort eine Antwort haben. Ich halte Unsicherheit besser aus als früher und weiss heute, dass man Vertrauen nicht dadurch gewinnt, dass man perfekt wirkt, sondern dadurch, dass man ehrlich, verlässlich und ansprechbar ist.

    Vielleicht ist genau das der grösste Unterschied zu meinem jüngeren Ich. Früher dachte ich, eine Führungsperson müsse möglichst viele Antworten kennen. Heute glaube ich, dass es oft wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen. Früher wollte ich Probleme möglichst schnell lösen. Heute weiss ich, dass gute Lösungen häufig gemeinsam entstehen und dass Zuhören manchmal wertvoller ist als Reden.

    Ich weiss nicht, wie ich in ein paar Jahren auf diesen Blogbeitrag zurückblicken werde. Wahrscheinlich werde ich über einige Gedanken schmunzeln und andere ergänzen wollen. Vielleicht werde ich feststellen, dass ich gewisse Dinge völlig falsch eingeschätzt habe. Und ehrlich gesagt hoffe ich sogar, dass das so sein wird. Denn das würde bedeuten, dass ich weiter gelernt habe. Gute Führung ist für mich kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Sie ist etwas, das sich ständig verändert – mit jeder Begegnung, jedem Fehler, jeder Rückmeldung und jeder neuen Erfahrung.

    Deshalb starte ich diese neue Aufgabe nicht mit dem Anspruch, alles richtig zu machen. Ich starte mit Neugier, mit Respekt vor der Verantwortung und mit dem Wunsch, gemeinsam mit meinem Team eine gute Arbeitskultur zu gestalten. Eine Kultur, in der man offen miteinander spricht, unterschiedliche Meinungen aushält, sich gegenseitig unterstützt und auch einmal sagen darf: «Ich weiss es gerade nicht.» Denn wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, dann dies: Menschen erwarten keine perfekten Führungspersonen. Sie wünschen sich Menschen, denen sie vertrauen können.

    Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner ersten Führungsrolle mitgenommen habe. Verantwortung bedeutet für mich heute nicht mehr, alles zu tragen. Verantwortung bedeutet, dafür zu sorgen, dass niemand das Gefühl hat, alles alleine tragen zu müssen.

  • Das kleine Loch an meinen Ohren

    Das kleine Loch an meinen Ohren

    Jede Familie hat ihre Eigenheiten.

    Manche vererben blaue Augen. Andere Sommersprossen. Meine Mutter hat mir unter anderem zwei winzige Löcher vererbt.

    Genauer gesagt: Je eines vor jedem Ohr. Sie hat sie. Ich habe sie auch.

    Diese kleinen Öffnungen nennt man Ohrfisteln.

    Für mich waren sie deshalb nie etwas Besonderes. Ich bin damit aufgewachsen und wusste schon als Kind, dass sie harmlos sind. Trotzdem gab es von meiner Mutter immer wieder dieselbe Warnung: Ich solle nicht ständig daran herumspielen.

    Wie sich herausstellt, war das ein ziemlich guter Rat.

    Denn obwohl eine Ohrfistel in den allermeisten Fällen keine Probleme verursacht, kann sie gelegentlich jucken oder sich entzünden. Dann merkt man plötzlich wieder, dass dieses winzige Loch überhaupt existiert. Zum Glück passiert das bei mir nur selten.

    Medizinisch handelt es sich um eine angeborene Besonderheit. Während sich das Ohr im Mutterleib entwickelt, schliesst sich das Gewebe an einer Stelle nicht vollständig. Dadurch bleibt ein kleiner Gang unter der Haut zurück. Die meisten Menschen haben keine Ohrfistel – wer eine hat, trägt sie aber meist sein ganzes Leben lang mit sich herum.

    Ich habe mich schon vor Jahren darüber informiert. Irgendwie faszinieren mich solche kleinen Eigenheiten des menschlichen Körpers. Dinge, die man täglich mit sich herumträgt, ohne gross darüber nachzudenken. Geschrieben habe ich darüber allerdings bisher nie.

    Besonders spannend finde ich die evolutionäre Seite. Während der Entwicklung eines Embryos entstehen sogenannte Kiemenbögen. Sie haben denselben evolutionären Ursprung wie Strukturen, aus denen sich bei unseren sehr weit entfernten Vorfahren Kiemen entwickelten. Beim Menschen entstehen daraus später unter anderem Teile des Gesichts, des Halses und der Ohren. Einige Forschende vermuten deshalb, dass Ohrfisteln mit dieser uralten Entwicklungsgeschichte zusammenhängen könnten.

    Ob diese Theorie am Ende stimmt oder nicht, spielt für mich fast keine Rolle. Ich mag einfach die Vorstellung, dass ich an beiden Ohren ein winziges anatomisches Detail trage, das möglicherweise bis zu unseren evolutionären Ursprüngen zurückreicht.

    Es sind genau diese kleinen Besonderheiten, die ich spannend finde. Man denkt selten über sie nach, sie erfüllen keinen besonderen Zweck und doch erzählen sie etwas darüber, wie unglaublich komplex der menschliche Körper entstanden ist.

    Und ganz nebenbei hat meine Mutter mir damit nicht nur eine Ohrfistel vererbt, sondern auch den richtigen Umgang damit.

  • Zwei der besten queeren Serien überhaupt sind jetzt auf ARTE

    Zwei der besten queeren Serien überhaupt sind jetzt auf ARTE

    Es gibt schon lustige Zufälle. Mein Mann und ich haben in den letzten Wochen gerade alle vier Staffeln von Please Like Me durchgebinged. Und kaum sind wir fertig, kündigt ARTE an, dass nicht nur Please Like Me, sondern auch Josh Thomas’ Nachfolgeserie Everything’s Gonna Be Okay ab sofort kostenlos verfügbar sind.

    Falls ihr eine der beiden Serien noch nicht kennt: Das solltet ihr ändern. Für mich gehören sie zu den besten queeren Serien, die je gemacht wurden.

    Please Like Me erzählt vom jungen Josh, der sich mit Freundschaften, Familie, Liebe und dem Coming-out auseinandersetzt. Die Serie schafft etwas, das nur wenigen gelingt: Sie ist gleichzeitig urkomisch und herzzerreissend. Sie spricht über psychische Gesundheit, Beziehungen und das Erwachsenwerden mit einer Ehrlichkeit, die sich nie aufgesetzt anfühlt.

    Everything’s Gonna Be Okay führt diesen Ton weiter. Diesmal übernimmt Josh Thomas die Rolle von Nicholas, der nach dem Tod seines Vaters plötzlich Verantwortung für seine beiden Halbschwestern tragen muss. Die Serie erzählt feinfühlig von Familie, Neurodivergenz, queeren Identitäten und dem Versuch, das Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen – ohne dabei jemals den Humor zu verlieren.

    Was ich an beiden Serien besonders mag: Die Figuren wirken wie echte Menschen. Niemand ist perfekt. Niemand hat immer die richtige Antwort. Statt grosser Dramen stehen die kleinen, oft chaotischen Momente des Alltags im Mittelpunkt. Genau das macht sie so besonders.

    Dass jetzt beide Serien kostenlos bei ARTE zu sehen sind, ist eine wunderbare Gelegenheit, sie nachzuholen – oder, so wie wir, gleich noch einmal anzuschauen. Ich kann sie von Herzen empfehlen.

  • Das Beste am Erwachsensein

    Das Beste am Erwachsensein

    Als Kind dachte ich, das Beste am Erwachsensein wäre Freiheit.
    Keine Hausaufgaben. Keine Regeln. Niemand, der einem sagt, wann man ins Bett gehen oder was man anziehen soll. Einfach machen, worauf man Lust hat.

    Heute bin ich erwachsen und weiss: Die Realität ist etwas komplizierter. Rechnungen bezahlen, Wäsche waschen und Termine organisieren standen in meiner Fantasie damals nicht besonders im Vordergrund.
    Trotzdem gibt es Dinge am Erwachsensein, die ich wirklich schätze.

    Zum Beispiel die Freiheit, meinen Alltag nach meinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Ich kann entscheiden, wann ich kreativ sein möchte. Ich kann einen Abend damit verbringen, an einer App zu arbeiten, eine Website zu gestalten oder einen 3D-Druck zu starten, ohne dass jemand fragt, ob das sinnvoll ist.

    Ich kann mein Leben mit kleinen Ritualen füllen, die vielleicht nur für mich Bedeutung haben. Einen Kaffee trinken, bevor der Tag richtig beginnt. Ein paar Rätsel lösen. Eine neue Idee verfolgen, nur weil sie mich interessiert.

    Als Kind wollte ich oft wissen, wie Erwachsene ihr Leben im Griff bekommen. Heute weiss ich, dass die meisten es nicht so sehr im Griff haben, wie es von aussen aussieht. Viele von uns improvisieren. Viele lernen unterwegs. Viele versuchen einfach ihr Bestes.
    Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Erkenntnisse am Erwachsensein.
    Niemand hat alle Antworten.
    Wir dürfen ausprobieren. Wir dürfen unsere Meinung ändern. Wir dürfen neue Interessen entdecken, alte loslassen und Wege einschlagen, die wir vor fünf Jahren nie erwartet hätten.
    Das Beste am Erwachsensein ist für mich deshalb nicht die Unabhängigkeit.
    Es ist die Erlaubnis, mein eigenes Leben zu gestalten.
    Nicht perfekt. Nicht immer erfolgreich.
    Aber auf meine Art.

  • The People I Could Have Been

    The People I Could Have Been

    Sometimes I wonder about the people I could have been.

    Not because I regret my life. Not because I wish I had made completely different choices. It is more a feeling of curiosity. A quiet thought that appears every now and then. What if I had taken a different path?

    Life is full of small decisions that seem unimportant at the time. Choosing a school. Applying for a job. Moving to a new place. Saying yes to one opportunity and no to another. Meeting one person and not meeting someone else. Most of these moments do not feel significant when they happen. But looking back, they often changed everything.

    Sometimes I think about the version of me who went deeper into technology. The one who spent his days building software and working in the tech industry full-time. Sometimes I think about the version of me who left Switzerland and moved to a bigger city. Maybe New York. Maybe somewhere else. And sometimes I think about the version of me who never met certain people. The version whose life followed a completely different direction because one conversation never happened. What fascinates me is that all of these lives feel possible. Not realistic anymore, perhaps, but possible.

    As we grow older, we usually focus on becoming someone. We talk about finding ourselves, building a career, creating relationships and developing an identity. But there is another side to that process. Every choice we make also means letting go of other possibilities. The moment I became the person I am today, I also stopped becoming countless other versions of myself. Öl

    There is a strange beauty in that. When I was younger, I sometimes imagined that one day I would finally figure everything out. That there was a “correct” version of Fabio waiting somewhere in the future. Today I do not think that version exists. I think we are all shaped by the choices we make, the people we meet and sometimes by pure coincidence. There is no perfect path hiding somewhere behind the others. There is only the path we are walking right now.

    That does not mean the other possibilities disappear completely. I think they stay with us in small ways. The version of me who loves technology still appears whenever I start building a new app. The version of me who dreams about living in a bigger city appears whenever I visit a place that feels full of energy and possibility. The version of me who wants to try something completely different appears every time I get excited about a new idea. Maybe those alternative lives never fully disappear. Maybe they simply become part of who we are.

    I do not wonder about these other versions of myself because I want to be them. I wonder about them because they remind me of something important. Life is not only about becoming someone. It is also about choosing who not to become. And perhaps growing older means making peace with both.

  • PrideOn: Celebrating My Pebble Time 2 (and Bern Pride)

    PrideOn: Celebrating My Pebble Time 2 (and Bern Pride)

    Today felt like the perfect day to release something new.

    After what felt like an eternity of waiting, my Pebble Time 2 finally arrived. As someone who has spent the past few weeks rediscovering the Pebble ecosystem and building small apps for it, unboxing the watch almost felt like meeting an old friend. There’s something refreshingly simple about Pebble that still inspires me to create.

    Coincidentally, today is also Bern Pride here in Bern, Switzerland. Seeing thousands of people come together to celebrate diversity and community made me want to build something that reflects that spirit in a small, everyday way.

    So I made PrideOn.

    Rather than displaying a traditional Pride flag, PrideOn turns the colours of the Progress Pride flag into a piece of generative art. Every time the watchface becomes visible again, it creates a completely new composition inspired by Piet Mondrian’s geometric paintings. Every design always includes every colour of the Progress Pride flag—including the Intersex symbol—so no matter how the artwork changes, every part of the community remains represented.

    I wanted it to feel less like a statement you wear and more like a living artwork on your wrist. Familiar colours, endlessly rearranged.

    Building for Pebble has reminded me why I enjoy making software in the first place. The platform is wonderfully constrained. You’re working with tiny screens, limited memory and hardware from another era, yet those limitations encourage thoughtful design instead of endless complexity.

    PrideOn is now yet another Pebble project. And honestly, I don’t think I’m done yet. Receiving my Pebble Time 2 has completely reignited my enthusiasm for developing for this little platform, and I already have a growing list of ideas I’d love to build.

    Happy Bern Pride! 🏳️‍🌈
    Hopefully PrideOn brings a little colour to someone’s wrist today.

    Download the PrideOn Watchface on the Pebble Appstore

  • Mein Gehirn behandelt neue Interessen wie Notfälle

    Mein Gehirn behandelt neue Interessen wie Notfälle

    Ich weiss nicht genau, wann es passiert, aber plötzlich ist ein neues Thema da. Und ab diesem Moment verhält sich mein Gehirn so, als gäbe es absolut nichts Wichtigeres mehr auf der Welt.

    Normale Menschen entdecken vielleicht ein neues Hobby und denken sich: „Interessant, das probiere ich irgendwann mal aus.“
    Mein Gehirn reagiert eher wie:
    „Wir müssen sofort alles darüber wissen. Sofort.“

    Dann beginnt eine sehr spezifische Phase. YouTube-Videos werden geschaut, Reddit-Threads gelesen, Webseiten verglichen und plötzlich weiss ich mehr über ein Thema, das mich gestern noch überhaupt nicht interessiert hat, als eigentlich notwendig wäre.

    Das Problem ist: Mein Gehirn unterscheidet nicht besonders gut zwischen einer kleinen Neugier und einer neuen Lebensmission.
    So entstehen dann Situationen, in denen ich um zwei Uhr morgens tief in einem Forum über mechanische Tastaturen, 3D-Drucker, Productivity-Apps oder irgendwelche obskuren Gadgets sitze und völlig überzeugt bin, dass genau dieses Thema mein Leben verändern wird.

    Für ungefähr acht Tage.

    Das Faszinierende daran ist, dass sich diese Begeisterung jedes Mal komplett echt anfühlt. Nicht gespielt, nicht oberflächlich. Wenn mich etwas interessiert, dann richtig. Menschen sagen mir oft, dass man mir ansieht, wenn ich für etwas brenne. Und ich glaube, genau das passiert in diesen Phasen.
    Mein Gehirn liebt neue Möglichkeiten. Neue Systeme. Neue Ideen. Neue kleine Welten, in die man eintauchen kann.
    Manchmal bleibt etwas davon langfristig. Viele meiner Projekte sind genau so entstanden. Andere Interessen verschwinden wieder fast so schnell, wie sie gekommen sind.
    Früher dachte ich, das sei ein Problem. Heute sehe ich es entspannter.
    Nicht jede Begeisterung muss produktiv sein. Nicht jedes Interesse muss monetarisiert werden. Und nicht jede Idee muss ein fertiges Projekt werden.
    Manchmal ist es genug, sich einfach kurz komplett für etwas zu begeistern.
    Auch wenn man drei Wochen später plötzlich überzeugt ist, dass man eigentlich unbedingt einen Mini-Plotter braucht.

  • The Strange Comfort of Rituals

    The Strange Comfort of Rituals

    This post is a repost of this substack post: https://open.substack.com/pub/fabiowrites/p/the-strange-comfort-of-rituals


    Some people start their day by checking emails. Others scroll through social media before they even get out of bed.
    I have a different system.

    Most mornings look almost exactly the same. I get up, take my medication — currently Elvanse and an antihistamine — take a shower, get dressed in clothes I prepared the night before, make a coffee and sit down for a few minutes with the New York Times Games. Wordle is usually first.

    It is not a particularly exciting routine. If anything, it sounds almost boring when written down. But over time, I have realised that these small rituals play a much bigger role in my life than I once thought.
    There is something comforting about knowing what comes next.

    The world is full of uncertainty. Plans change. Projects fail. People surprise us. News headlines rarely make us feel calmer. A morning ritual does not solve any of that, but it creates a small island of predictability at the beginning of the day.
    For me, these rituals are not about productivity. They are not designed to optimise my performance or help me squeeze more work into a day. Their purpose is much simpler: they help me arrive.
    The shower wakes me up. The prepared clothes remove one decision from the morning. The coffee creates a pause. And the games give my brain something gentle to focus on before the rest of the day begins.
    I think many people underestimate the value of rituals because they look so ordinary. We tend to celebrate big changes, major achievements and dramatic transformations. But most of life is not made up of those moments. Most of life happens in the small, repeated actions that quietly shape our days.

    Perhaps that is why rituals feel so comforting. They remind us that not everything needs to be new. Not everything needs to be improved. Some things are valuable simply because they are familiar.

    My morning ritual is not remarkable. It will probably never change the world.
    But it helps me start my day with a little more calm, a little more focus and a little less friction.
    And sometimes, that is more than enough.

  • Warum ich lieber Apps für das iPhone entwickle

    Warum ich lieber Apps für das iPhone entwickle

    Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich einmal meine Abende damit verbringen würde, Apps zu entwickeln, hätte ich vermutlich gelacht.

    Ich bin kein Softwareentwickler. Ich habe keine Informatik studiert. Ich bin Sozialpädagoge. Programmieren war nie ein Berufswunsch und ehrlich gesagt auch kein Hobby, das mich besonders gereizt hat.

    Ich hatte einfach Ideen.

    Und irgendwann wurde mir klar: Wenn ich darauf warte, dass jemand anderes sie umsetzt, werden sie wahrscheinlich nie Realität. Also begann ich zu lernen. Tutorial für Tutorial. Fehler für Fehler. Kleine Erfolgserlebnisse dazwischen. Irgendwann stand tatsächlich meine erste App im App Store. Heute sind es mehrere. Das fühlt sich manchmal immer noch ziemlich unwirklich an.

    Immer wieder werde ich gefragt, warum meine Apps nur für das iPhone erhältlich sind.

    Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Ich entwickle lieber für iOS.

    Ich weiss, dass das für Android-Nutzerinnen und -Nutzer nicht besonders erfreulich ist. Android hat weltweit den grösseren Marktanteil, erreicht deutlich mehr Menschen und bietet Entwicklerinnen und Entwicklern enorm viele Möglichkeiten. Für viele ist Android deshalb die logische Wahl.

    Das verstehe ich vollkommen.

    Aber wenn man alleine entwickelt und das Ganze neben einem Vollzeitjob macht, verschieben sich die Prioritäten. Dann geht es nicht nur darum, möglichst viele Menschen zu erreichen, sondern auch darum, wie viel Energie der Weg dorthin kostet.

    Für mich spielt dabei Einfachheit eine grosse Rolle.

    Apple stellt mit Xcode praktisch alles bereit, was ich zum Entwickeln brauche. Dort schreibe ich den Code, gestalte die Benutzeroberfläche, teste meine Apps und bereite sie für die Veröffentlichung vor. Natürlich ist Xcode nicht perfekt. Wahrscheinlich hat sich jede Person, die schon einmal für iOS entwickelt hat, mindestens einmal darüber aufgeregt. Trotzdem mag ich, dass fast alles an einem Ort passiert. Ich öffne Xcode, arbeite dort weiter, wo ich aufgehört habe, und kann mich auf die eigentliche Idee konzentrieren. Das klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied, wenn App-Entwicklung hauptsächlich in den Abendstunden und am Wochenende stattfindet.

    Dazu kommt etwas, das auf den ersten Blick vielleicht etwas seltsam klingt: Ich mag es, dass Apple vergleichsweise wenige Geräte herstellt.

    Als Käufer finde ich Auswahl grossartig. Als Entwickler bedeutet jedes zusätzliche Smartphone aber auch eine weitere Bildschirmgrösse, einen anderen Prozessor, eine andere Kamera, eine andere Android-Version und damit eine weitere Möglichkeit, dass irgendwo etwas nicht wie erwartet funktioniert.

    Genau diese Vielfalt macht Android so spannend. Gleichzeitig macht sie die Entwicklung auch deutlich anspruchsvoller.

    Apples Geräte unterscheiden sich natürlich ebenfalls voneinander. Aber sie folgen derselben Designsprache und verhalten sich erstaunlich konsistent. Dadurch verbringe ich weniger Zeit damit, Fehler auf bestimmten Geräten zu suchen, und mehr Zeit damit, darüber nachzudenken, ob eine Funktion überhaupt sinnvoll ist.

    Auch beim Veröffentlichen einer App gefällt mir Apples Ansatz.

    Über App Store Connect werden neue Versionen hochgeladen, Beta-Tester eingeladen, Screenshots verwaltet, Datenschutzeinstellungen festgelegt und alle Informationen gepflegt, die später im App Store angezeigt werden. Entwickler nennen diese Informationen «Metadaten». Gemeint ist im Grunde einfach alles, was zur App gehört, ohne die App selbst zu sein.

    Auch dieses System ist nicht perfekt.

    Aber ich empfinde es als angenehm aufgeräumt.

    Und dann gibt es noch einen Punkt, den ich kaum verschweigen kann:

    Ich nutze KI. Sehr viel sogar.

    Nicht, damit sie meine Arbeit übernimmt. Sondern damit ich schneller ans Ziel komme.

    Inzwischen gibt es dafür sogar einen Begriff: Vibecoding. Dabei beschreibt man einer KI, was man bauen möchte, erhält einen ersten Entwurf und arbeitet diesen anschliessend weiter aus. Man versteht den Code, verbessert ihn, korrigiert Fehler und entwickelt daraus Schritt für Schritt die eigentliche App.

    Manche feiern diesen Ansatz. Andere halten überhaupt nichts davon.

    Mir ist diese Diskussion ehrlich gesagt ziemlich egal.

    Ohne KI hätte ich wahrscheinlich nie so viele Apps entwickeln können.

    Interessanterweise habe ich ausserdem das Gefühl, dass KI mich beim Entwickeln von iPhone-Apps besser unterstützt als bei Android-Projekten. Ob das wirklich so ist, weiss ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Apples Ökosystem stärker standardisiert ist. Vielleicht an Swift und der guten Dokumentation. Vielleicht ist es auch einfach mein persönlicher Eindruck.

    Was auch immer der Grund ist: Beim Entwickeln für iOS habe ich deutlich seltener das Gefühl, gegen die KI arbeiten zu müssen.

    Trotzdem möchte ich Android überhaupt nicht kleinreden.

    Im Gegenteil.

    Mir ist völlig bewusst, dass ich viele Menschen ausschliesse, wenn ich Apps nur für das iPhone veröffentliche. Weltweit nutzen mehr Menschen Android als iOS. Und ich finde den Gedanken schade, dass jemand eine meiner Apps entdeckt und sie dann gar nicht verwenden kann.

    Mein Ziel war nie, Apps ausschliesslich für Apple-Nutzerinnen und -Nutzer zu entwickeln.

    Ich möchte Dinge bauen, die Menschen nützlich finden.

    Im Moment bin ich aber eine einzelne Person mit einem Vollzeitjob und begrenzter Zeit. Deshalb muss ich Prioritäten setzen. Und im Moment bedeutet das: zuerst iOS.

    Das heisst allerdings nicht, dass Android für mich keine Rolle spielt. Schon heute versuche ich, Entscheidungen zu vermeiden, die eine Android-Version später unnötig erschweren würden. Sollte eine meiner Apps irgendwann grösser werden und mehr Menschen erreichen, wäre eine Android-Version sofort eine meiner höchsten Prioritäten.

    Vielleicht lese ich diesen Beitrag in ein paar Jahren selbst wieder – während ich gleichzeitig eine iPhone- und eine Android-Version meiner Apps weiterentwickle.

    Ich würde mich ehrlich gesagt freuen, wenn es so käme.

    Bis dahin wirst du neue Ideen von mir aber wahrscheinlich weiterhin zuerst im App Store finden.