Vor ein paar Wochen habe ich die Zusage für eine neue Aufgabe erhalten: Nach den Sommerferien werde ich die Teamleitung des Internats an der Sprachheilschule Wabern übernehmen. Ich freue mich sehr darauf. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich diese Vorfreude mit einer grossen Portion Respekt verbinde. Nicht, weil ich Angst vor der Aufgabe habe, sondern weil ich weiss, dass Führung immer auch bedeutet, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Und je näher der Start rückt, desto mehr denke ich darüber nach, was Verantwortung für mich eigentlich bedeutet.
Das Spannende ist, dass dies nicht meine erste Führungsaufgabe ist. Vor vielen Jahren durfte ich bereits einmal ein kleines Team leiten. Damals war ich deutlich jünger und überzeugt, dass gute Führung vor allem bedeutet, kompetent zu wirken, Entscheidungen zu treffen und möglichst alles im Griff zu haben. Rückblickend war ich für diese Aufgabe noch nicht bereit. Nicht, weil ich ungeeignet gewesen wäre, sondern weil ich selbst noch auf der Suche nach meiner eigenen Sicherheit war. Ich wollte es allen recht machen, stellte meine eigenen Ansprüche oft über meine eigenen Grenzen und hatte ständig das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich diese Rolle verdiene. Irgendwann wurde mir klar, dass mich diese Aufgabe mehr Kraft kostete, als sie mir gab. Das einzugestehen war damals schwierig. Heute empfinde ich genau diese Erfahrung als eine der wertvollsten überhaupt.
In den Jahren danach ist viel passiert. Ich habe weiter als Sozialpädagoge gearbeitet, Kinder und Jugendliche begleitet, Konflikte erlebt, schwierige Gespräche geführt und gelernt, dass Beziehungen fast nie so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Ich durfte neue Mitarbeitende begleiten, Projekte übernehmen, Verantwortung tragen und vor allem beobachten, was Teams stark macht – und was eben nicht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich selbst ruhiger geworden bin. Ich muss nicht mehr auf alles sofort eine Antwort haben. Ich halte Unsicherheit besser aus als früher und weiss heute, dass man Vertrauen nicht dadurch gewinnt, dass man perfekt wirkt, sondern dadurch, dass man ehrlich, verlässlich und ansprechbar ist.
Vielleicht ist genau das der grösste Unterschied zu meinem jüngeren Ich. Früher dachte ich, eine Führungsperson müsse möglichst viele Antworten kennen. Heute glaube ich, dass es oft wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen. Früher wollte ich Probleme möglichst schnell lösen. Heute weiss ich, dass gute Lösungen häufig gemeinsam entstehen und dass Zuhören manchmal wertvoller ist als Reden.
Ich weiss nicht, wie ich in ein paar Jahren auf diesen Blogbeitrag zurückblicken werde. Wahrscheinlich werde ich über einige Gedanken schmunzeln und andere ergänzen wollen. Vielleicht werde ich feststellen, dass ich gewisse Dinge völlig falsch eingeschätzt habe. Und ehrlich gesagt hoffe ich sogar, dass das so sein wird. Denn das würde bedeuten, dass ich weiter gelernt habe. Gute Führung ist für mich kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Sie ist etwas, das sich ständig verändert – mit jeder Begegnung, jedem Fehler, jeder Rückmeldung und jeder neuen Erfahrung.
Deshalb starte ich diese neue Aufgabe nicht mit dem Anspruch, alles richtig zu machen. Ich starte mit Neugier, mit Respekt vor der Verantwortung und mit dem Wunsch, gemeinsam mit meinem Team eine gute Arbeitskultur zu gestalten. Eine Kultur, in der man offen miteinander spricht, unterschiedliche Meinungen aushält, sich gegenseitig unterstützt und auch einmal sagen darf: «Ich weiss es gerade nicht.» Denn wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, dann dies: Menschen erwarten keine perfekten Führungspersonen. Sie wünschen sich Menschen, denen sie vertrauen können.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner ersten Führungsrolle mitgenommen habe. Verantwortung bedeutet für mich heute nicht mehr, alles zu tragen. Verantwortung bedeutet, dafür zu sorgen, dass niemand das Gefühl hat, alles alleine tragen zu müssen.