Das kleine Loch an meinen Ohren

Jede Familie hat ihre Eigenheiten.

Manche vererben blaue Augen. Andere Sommersprossen. Meine Mutter hat mir unter anderem zwei winzige Löcher vererbt.

Genauer gesagt: Je eines vor jedem Ohr. Sie hat sie. Ich habe sie auch.

Diese kleinen Öffnungen nennt man Ohrfisteln.

FĂŒr mich waren sie deshalb nie etwas Besonderes. Ich bin damit aufgewachsen und wusste schon als Kind, dass sie harmlos sind. Trotzdem gab es von meiner Mutter immer wieder dieselbe Warnung: Ich solle nicht stĂ€ndig daran herumspielen.

Wie sich herausstellt, war das ein ziemlich guter Rat.

Denn obwohl eine Ohrfistel in den allermeisten FĂ€llen keine Probleme verursacht, kann sie gelegentlich jucken oder sich entzĂŒnden. Dann merkt man plötzlich wieder, dass dieses winzige Loch ĂŒberhaupt existiert. Zum GlĂŒck passiert das bei mir nur selten.

Medizinisch handelt es sich um eine angeborene Besonderheit. WĂ€hrend sich das Ohr im Mutterleib entwickelt, schliesst sich das Gewebe an einer Stelle nicht vollstĂ€ndig. Dadurch bleibt ein kleiner Gang unter der Haut zurĂŒck. Die meisten Menschen haben keine Ohrfistel – wer eine hat, trĂ€gt sie aber meist sein ganzes Leben lang mit sich herum.

Ich habe mich schon vor Jahren darĂŒber informiert. Irgendwie faszinieren mich solche kleinen Eigenheiten des menschlichen Körpers. Dinge, die man tĂ€glich mit sich herumtrĂ€gt, ohne gross darĂŒber nachzudenken. Geschrieben habe ich darĂŒber allerdings bisher nie.

Besonders spannend finde ich die evolutionÀre Seite. WÀhrend der Entwicklung eines Embryos entstehen sogenannte Kiemenbögen. Sie haben denselben evolutionÀren Ursprung wie Strukturen, aus denen sich bei unseren sehr weit entfernten Vorfahren Kiemen entwickelten. Beim Menschen entstehen daraus spÀter unter anderem Teile des Gesichts, des Halses und der Ohren. Einige Forschende vermuten deshalb, dass Ohrfisteln mit dieser uralten Entwicklungsgeschichte zusammenhÀngen könnten.

Ob diese Theorie am Ende stimmt oder nicht, spielt fĂŒr mich fast keine Rolle. Ich mag einfach die Vorstellung, dass ich an beiden Ohren ein winziges anatomisches Detail trage, das möglicherweise bis zu unseren evolutionĂ€ren UrsprĂŒngen zurĂŒckreicht.

Es sind genau diese kleinen Besonderheiten, die ich spannend finde. Man denkt selten ĂŒber sie nach, sie erfĂŒllen keinen besonderen Zweck und doch erzĂ€hlen sie etwas darĂŒber, wie unglaublich komplex der menschliche Körper entstanden ist.

Und ganz nebenbei hat meine Mutter mir damit nicht nur eine Ohrfistel vererbt, sondern auch den richtigen Umgang damit.