Heute werde ich 39.
Ich weiss nicht genau, wie sich 39 anfühlen sollte. Vermutlich ist das bereits eine meiner Erkenntnisse der letzten Jahre: Die meisten Alterszahlen fühlen sich von innen erstaunlich unspektakulär an. Als Kind hatte ich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Erwachsene mit 30, 40 oder 50 sein würden. Sie würden wissen, was sie tun. Sie hätten ihr Leben eingerichtet, wichtige Entscheidungen getroffen und vermutlich Antworten auf die meisten Fragen gefunden. Inzwischen bin ich diesem ominösen 40 ziemlich nahe und kann sagen: Das war eine Fehleinschätzung. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.
Natürlich habe ich in den vergangenen 39 Jahren einiges gelernt. Ich weiss heute mehr über mich, über andere Menschen und darüber, was mir wichtig ist. Ich habe Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, Dinge ausprobiert, mich verliebt, mich geärgert, Menschen kennengelernt und verloren, gearbeitet, Projekte begonnen und wieder aufgegeben. Ich habe Entscheidungen getroffen, bei denen ich heute froh bin, dass ich sie getroffen habe. Andere würde ich heute vermutlich anders treffen. Und bei einigen werde ich nie erfahren, ob die Alternative besser gewesen wäre. Vor allem aber habe ich meine Meinung geändert. Und das meine ich nicht nur bei den grossen Dingen. Auch bei erstaunlich banalen. Bequeme Schuhe sind beispielsweise deutlich wichtiger geworden, als mein jüngeres Ich vermutlich akzeptiert hätte. Zu Hause zu bleiben kann ein hervorragender Samstagabend sein. Und ein freier Nachmittag, an dessen Ende ich nichts vorzuweisen habe, war deswegen nicht verschwendet.
Andere Veränderungen gehen etwas tiefer. Ich dachte früher beispielsweise häufiger in Entweder-oder. Heute glaube ich, dass erstaunlich viele Dinge gleichzeitig wahr sein können. Ich kann dankbar für mein Leben sein und mir trotzdem wünschen, dass manches anders wäre. Ich kann einen Menschen lieben und gleichzeitig wütend auf ihn sein. Ich kann eine Entscheidung für richtig halten und trotzdem traurig über ihre Konsequenzen sein. Zwei widersprüchliche Gefühle müssen sich nicht gegenseitig aufheben. Vielleicht gehört das für mich zum Älterwerden: Die Zwischentöne werden interessanter.
Auch mein Verhältnis zu Erfolg hat sich verändert. Eine Idee muss kein grosses Projekt werden. Ein Projekt muss nicht Tausende Menschen erreichen. Etwas, das zwanzig Menschen Freude macht oder hilft, kann genauso seine Berechtigung haben wie etwas, das zwanzigtausend erreicht. Und manchmal darf ich sogar etwas bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten. Vielleicht sogar einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das klingt rückblickend ziemlich selbstverständlich. War es für mich aber nicht immer. Ähnlich ist es mit Verantwortung. Ich dachte lange, kompetente Menschen hätten Antworten. Je mehr Verantwortung ich selbst übernehme, desto weniger glaube ich daran. Vielleicht zeigt sich Kompetenz manchmal gerade darin, sagen zu können: Das weiss ich nicht. Da habe ich mich geirrt. Das müssen wir herausfinden.
Und vielleicht ist das eine der Erkenntnisse, die sich durch besonders viele meiner 39 Punkte zieht: Ich muss nicht fertig sein. Ich muss nicht dieselbe Version von mir bleiben. Ich darf meine Meinung ändern, auch wenn ich sie früher sehr selbstbewusst vertreten habe. Ich darf Entscheidungen treffen, die nur für jetzt gelten. Und ich muss nicht der Mensch werden, von dem ich irgendwann einmal dachte, dass ich ihn mit 39 darstellen würde. Darum habe ich zu meinem Geburtstag 39 Dinge gesammelt, die ich heute anders sehe als früher. Manche sind Erkenntnisse, die lange gebraucht haben. Andere sind banal. Einige nehme ich sehr ernst, bei anderen muss ich selbst ein bisschen schmunzeln. Und wahrscheinlich werde ich einige davon mit 49 wieder anders sehen.
- Man kann jemanden lieben und gleichzeitig wütend auf diesen Menschen sein.
- Enttäuscht zu sein bedeutet manchmal auch, dass meine Erwartungen nicht realistisch waren.
- Ich muss nicht jede Version von mir für immer bleiben.
- Ich darf meine Meinung ändern. Auch bei Dingen, bei denen ich früher sehr überzeugt war.
- Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, auf alles eine Antwort haben zu müssen.
- Fehler zuzugeben macht einen nicht automatisch weniger kompetent.
- Nicht aus jeder guten Idee muss ein Projekt werden.
- Und nicht aus jedem Projekt muss etwas Grosses werden.
- Etwas für 20 Menschen zu machen kann genauso sinnvoll sein wie etwas für 20’000.
- Man darf etwas einfach machen, weil es Spass macht.
- Ich muss mich nicht für eine Sache entscheiden, die mich definiert.
- Erwachsene improvisieren erschreckend viel.
- Man kann gleichzeitig dankbar für sein Leben sein und sich wünschen, dass manches anders wäre.
- Glück fühlt sich viel unspektakulärer an, als ich früher erwartet habe.
- Rituale werden mit zunehmendem Alter wichtiger statt langweiliger.
- Die Vergangenheit erklärt einiges, aber sie entscheidet nicht automatisch über die Zukunft.
- Es gibt Entscheidungen, bei denen man nie erfahren wird, ob die Alternative besser gewesen wäre.
- Zu Hause bleiben kann ein vollkommen gelungener Samstagabend sein.
- Bequeme Schuhe sind wichtiger geworden, als mein jüngeres Ich akzeptiert hätte.
- Man braucht erstaunlich wenig Besitz – und schafft es trotzdem, erstaunlich viel anzusammeln.
- Ein freier Nachmittag ohne Plan ist kein verschwendeter Nachmittag.
- Man darf Dinge mögen, die andere albern finden.
- Geburtstage müssen sich nicht bedeutsam anfühlen, um bedeutsam zu sein.
- Es ist möglich, zwei widersprüchliche Gefühle gleichzeitig zu haben – ohne dass eines davon falsch ist.
- Nähe entsteht nicht unbedingt dadurch, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen.
- Liebe zeigt sich erstaunlich oft in vollkommen unspektakulären Dingen.
- Es ist leichter, anderen einen Neuanfang zuzugestehen, wenn man sie nicht ständig an ihre Vergangenheit erinnert.
- Eine Entscheidung muss nicht für immer gelten, um heute richtig zu sein.
- Manchmal bemerkt man erst im Rückblick, dass man gerade eine ziemlich wichtige Zeit erlebt hat.
- Man darf stolz auf etwas sein, ohne es sofort relativieren zu müssen.
- Neugier ist mir inzwischen wichtiger als Recht haben.
- Meine erste Reaktion ist nicht immer meine eigentliche Meinung.
- Menschen brauchen nicht immer eine Lösung. Manchmal brauchen sie jemanden, der die Situation mit ihnen aushält.
- Helfen bedeutet nicht automatisch, etwas für jemanden zu erledigen.
- Ich darf Dinge bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten.
- Ich möchte nicht jünger sein. Ich möchte nur manchmal mehr Zeit haben.
- Ich fühle mich nicht wie 39. Aber ich weiss auch nicht, wie 39 sich eigentlich anfühlen sollte.
- Ich muss nicht der Mensch werden, den ich mir mit 20 vorgestellt habe.
- 39 ist viel weniger alt, als 20-jährige Menschen glauben.
Wenn ich diese Liste anschaue, fällt mir auf, dass sie gar nicht besonders gut als Liste von Lebensweisheiten taugt. Zum Glück. Denn ich möchte mit 39 ganz bestimmt keine 39 Regeln darüber aufstellen, wie man sein Leben richtig lebt. Es sind Momentaufnahmen. Dinge, die ich heute glaube. Dinge, die meine Erfahrungen mit mir gemacht haben. Manche davon habe ich auf angenehme Weise gelernt, andere weniger. Einige hätte mir vermutlich schon vor zwanzig Jahren jemand sagen können und ich hätte trotzdem meine eigenen Umwege gebraucht, um sie wirklich zu verstehen. Vielleicht gefällt mir gerade das am Älterwerden zunehmend: Ich muss meinem früheren Ich nicht ständig vorwerfen, dass es Dinge noch nicht wusste. Es wusste eben das, was es damals wissen konnte.
Und das gilt auch andersherum. Mein heutiges Ich weiss nicht, was mein zukünftiges einmal wissen wird. Vielleicht werde ich mit 49 über einige Punkte auf dieser Liste lachen. Vielleicht werde ich einen davon lesen und denken: Wie konnte ich davon nur so überzeugt sein? Vielleicht kommen Dinge dazu, die ich mir heute noch überhaupt nicht vorstellen kann. Das hoffe ich sogar. Denn ich möchte nicht an einem Punkt ankommen, an dem meine Ansichten fertig sind. Ich möchte neugierig bleiben. Mich überraschen lassen. Meine Meinung ändern können. Fehler machen und daraus manchmal tatsächlich etwas lernen. Neue Dinge ausprobieren, obwohl andere sie besser können. Und weiterhin feststellen, dass manches im Leben gleichzeitig schön und schwierig sein darf.
39 fühlt sich für mich deshalb weniger wie eine Bilanz an als wie ein Zwischenstand. Ich möchte nicht wieder 20 sein. Wirklich nicht. Ich würde höchstens gerne etwas von der Zeit zurückhaben, die damals scheinbar unbegrenzt vor mir lag. Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht auf all das verzichten, was zwischen 20 und 39 passiert ist. Auf das Schöne genauso wenig wie auf manches, das ich mir lieber erspart hätte. All das gehört inzwischen zu mir.
Und so starte ich heute in mein vierzigstes Lebensjahr. Nicht fertig, nicht mit allen Antworten und ziemlich sicher auch nicht mit der endgültigen Version dieser Liste.
Aber immerhin mit bequemen Schuhen.
Und das ist doch schon mal etwas.