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  • Ich trage jetzt ein externes GedĂ€chtnis am Finger

    Ich trage jetzt ein externes GedÀchtnis am Finger

    Vor kurzem ist meine Pebble Time 2 bei mir eingezogen. Und jetzt hat sie Gesellschaft bekommen: Seit heute trage ich zusÀtzlich den Pebble Index 01 am Finger.

    Wobei «Smart Ring» hier vielleicht etwas falsche Erwartungen weckt. Denn wer beim Index 01 an einen Oura Ring denkt, liegt ziemlich daneben.

    Der Ring misst keinen Puls. Er analysiert meinen Schlaf nicht. Er zĂ€hlt keine Schritte. Er kennt meinen Stresslevel nicht und versucht auch nicht herauszufinden, ob ich mich heute genĂŒgend bewegt habe.

    Eigentlich kann er nur eine Sache:

    Ich drĂŒcke einen Knopf und sage etwas, das ich nicht vergessen möchte.

    Und genau deshalb finde ich ihn so spannend.

    Ein Knopf gegen das Vergessen

    Pebble bezeichnet den Index 01 als «External memory for your brain». Das klingt natĂŒrlich wunderbar nach Tech-Marketing – beschreibt die Idee aber erstaunlich gut.

    Im Ring stecken unter anderem ein Mikrofon, Speicher, Bluetooth und ein physischer Knopf. Wenn mir etwas durch den Kopf geht, halte ich den Knopf gedrĂŒckt und spreche es aus.

    «Denk daran, morgen Peter anzurufen.»

    «Milch kaufen.»

    «Idee fĂŒr einen Blogpost: Warum GerĂ€te nicht immer mehr Funktionen brauchen.»

    Danach lasse ich den Knopf wieder los.

    Die Aufnahme landet ĂŒber mein Smartphone in der Pebble-App, wird transkribiert und kann dort als Notiz oder Erinnerung weiterverarbeitet werden. Je nach Plattform und Konfiguration sind auch weitere Aktionen und Integrationen möglich.

    Das Entscheidende daran ist fĂŒr mich aber gar nicht unbedingt, was danach passiert.

    Es ist der Moment davor.

    Ich muss mein Smartphone nicht aus der Tasche nehmen. Ich muss keine App öffnen. Ich muss nicht Siri aufrufen. Ich muss nicht zuerst entscheiden, wo ich diesen Gedanken eigentlich speichern möchte.

    Knopf drĂŒcken. Sprechen. Fertig.

    Technologie darf auch langweilig sein

    Das gefÀllt mir generell an der neuen alten Pebble-Welt.

    Die Pebble Time 2 versucht nicht, ein Smartphone fĂŒrs Handgelenk zu sein. Und der Index 01 versucht nicht einmal, eine besonders beeindruckende Smartwatch ohne Display zu sein.

    Er ist ein Knopf mit Mikrofon an meinem Finger.

    Das klingt fast absurd simpel.

    Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

    Wir haben uns bei Technologie ziemlich daran gewöhnt, dass jedes neue GerÀt möglichst viel können muss. Ein Ring braucht plötzlich Gesundheitsfunktionen, Schlaftracking, KI-Auswertungen und möglichst viele Sensoren.

    Pebble geht hier in die andere Richtung.

    Der Index 01 hat nicht einmal einen Vibrationsmotor oder einen Lautsprecher. Er kann mir also nichts mitteilen. Er ist praktisch ausschliesslich ein EingabegerÀt.

    Ich finde diese Idee faszinierend: Ein Gadget muss nicht möglichst viele Probleme lösen. Vielleicht reicht es, ein sehr kleines Problem so bequem zu lösen, dass ich das Gadget tatsÀchlich benutze.

    Und ich muss ihn nicht aufladen

    Noch ungewöhnlicher ist die Stromversorgung.

    Der Index 01 wird nicht aufgeladen.

    Gar nicht.

    Pebble spricht von einer Batterielaufzeit von mehreren Jahren. Bei den bisherigen Tests wurden im Durchschnitt ungefÀhr eine Minute Gedanken pro Tag aufgenommen; bei einer solchen Nutzung rechnet Pebble derzeit mit rund drei Jahren Batterielaufzeit.

    Danach ist allerdings Schluss. Die Batterie lÀsst sich nicht vom Benutzer austauschen oder wieder aufladen.

    Das ist gleichzeitig eine der interessantesten und fragwĂŒrdigsten Designentscheidungen des Produkts.

    Auf der einen Seite bedeutet es: Ich muss nie daran denken, meinen Ring aufzuladen. Und gerade bei einem GerĂ€t, dessen eigentliche StĂ€rke darin besteht, immer verfĂŒgbar zu sein, ergibt das Sinn. Ein externes GedĂ€chtnis hilft mir wenig, wenn es gerade auf dem Nachttisch am Ladekabel hĂ€ngt.

    Auf der anderen Seite kaufe ich damit bewusst ein elektronisches GerÀt mit begrenzter Lebensdauer.

    Ich weiss noch nicht, wie ich das langfristig finde.

    Ein Mikrofon am Finger?

    NatĂŒrlich gibt es noch einen anderen Punkt, der bei einem solchen Produkt sofort auffĂ€llt: Ich trage jetzt tatsĂ€chlich ein Mikrofon an meiner Hand.

    Pebble hat sich deshalb fĂŒr eine ziemlich nachvollziehbare Lösung entschieden: Der Ring kann nur aufnehmen, solange der physische Knopf gedrĂŒckt wird.

    Kein Wake Word. Kein stÀndig lauschendes Mikrofon.

    Auch die Verarbeitung lÀsst sich besonders datensparsam konfigurieren. Pebble bietet inzwischen eine lokale Variante an, bei der sowohl Spracherkennung als auch KI-Verarbeitung auf dem Smartphone stattfinden können. Cloud-Backups sind ebenfalls optional.

    Das ist fĂŒr mich ein wichtiger Unterschied zu der gerade entstehenden Kategorie von «AI Wearables», die möglichst viel von meinem Leben mitbekommen sollen.

    Der Index 01 soll gerade nicht mein Leben aufzeichnen.

    Er soll einen Gedanken auffangen, wenn ich ihn ihm bewusst gebe.

    Eigentlich ziemlich passend fĂŒr mein Gehirn

    Und wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb mich das Konzept so anspricht.

    Mein Problem ist selten, dass ich keine Möglichkeit hÀtte, etwas aufzuschreiben.

    Ich habe ein Smartphone. Eine Smartwatch. Erinnerungen. Kalender. Notizen. To-do-Apps. Computer. Tablets.

    An Möglichkeiten mangelt es wirklich nicht.

    Das Problem sind die paar Sekunden zwischen:

    «Oh, daran muss ich spÀter denken.»

    und

    «Was wollte ich gerade noch machen?»

    Oder ich nehme das Smartphone hervor, um einen Gedanken festzuhalten, sehe eine Nachricht, beantworte sie, öffne noch kurz etwas anderes und fĂŒnf Minuten spĂ€ter habe ich vergessen, weshalb ich das Smartphone ĂŒberhaupt in der Hand halte.

    Der Index 01 versucht nicht, dieses Problem mit einer besseren To-do-App zu lösen.

    Er verkĂŒrzt einfach den Weg zwischen Gedanke und Festhalten des Gedankens.

    Und das könnte tatsÀchlich funktionieren.

    Noch ist das alles ziemlich Pebble

    Man sollte allerdings nicht vergessen, dass der Index 01 ein Produkt der ersten Generation ist.

    Pebble selbst kommuniziert das erstaunlich offen. Die Software sei neu und werde noch fĂŒr Monate oder sogar Jahre Fehler und Ecken haben. Auch erste Nutzerberichte zeigen: Die Grundidee scheint gut zu funktionieren, aber Software, Bedienung und Verarbeitung sind noch nicht ĂŒberall perfekt.

    Das gehört momentan wohl zum Pebble-Erlebnis dazu.

    Man kauft hier kein bis ins letzte Detail poliertes Produkt eines gigantischen Elektronikkonzerns.

    Man kauft etwas, das ein bisschen experimentell ist.

    DafĂŒr ist vieles offen. Die Pebble-App ist Open Source, und fortgeschrittene Nutzer können Aufnahmen oder Transkriptionen ĂŒber Webhooks und MCP sogar an eigene Systeme weiterreichen.

    Und spĂ€testens an diesem Punkt beginnt mein Kopf natĂŒrlich bereits darĂŒber nachzudenken, was ich damit alles anstellen könnte.

    Was vermutlich exakt das Gegenteil davon ist, einfach nur einen simplen Ring zu benutzen.

    Pebble am Handgelenk und am Finger

    Mit der Pebble Time 2 am Handgelenk und dem Index 01 am Finger habe ich jetzt jedenfalls eine ziemlich eigenartige Kombination kleiner Computer an meinem Körper.

    Und irgendwie gefÀllt mir daran besonders, dass beide GerÀte nicht versuchen, möglichst unsichtbare Smartphones zu sein.

    Die Pebble Time 2 ist eine Uhr.

    Der Index 01 ist ein Knopf fĂŒr meine Gedanken.

    Mehr muss er eigentlich nicht sein.

    Ob dieser Knopf tatsĂ€chlich zu einem selbstverstĂ€ndlichen Teil meines Alltags wird, kann ich nach so kurzer Zeit natĂŒrlich noch nicht sagen. Vielleicht liegt der Ring irgendwann unbenutzt herum. Vielleicht nervt mich das Sprechen mit meiner Hand. Vielleicht stellt sich heraus, dass ich doch lieber schnell etwas auf meiner Uhr oder meinem Smartphone festhalte.

    Oder vielleicht passiert genau das Gegenteil.

    Vielleicht drĂŒcke ich irgendwann ganz selbstverstĂ€ndlich auf diesen kleinen Knopf, sobald ein Gedanke auftaucht, den mein zukĂŒnftiges Ich noch brauchen könnte.

    Und dann wĂ€re «External memory for your brain» plötzlich gar kein so ĂŒbertriebener Werbespruch mehr.

  • 39 Dinge, die ich mit 39 anders sehe

    39 Dinge, die ich mit 39 anders sehe

    Heute werde ich 39.

    Ich weiss nicht genau, wie sich 39 anfĂŒhlen sollte. Vermutlich ist das bereits eine meiner Erkenntnisse der letzten Jahre: Die meisten Alterszahlen fĂŒhlen sich von innen erstaunlich unspektakulĂ€r an. Als Kind hatte ich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Erwachsene mit 30, 40 oder 50 sein wĂŒrden. Sie wĂŒrden wissen, was sie tun. Sie hĂ€tten ihr Leben eingerichtet, wichtige Entscheidungen getroffen und vermutlich Antworten auf die meisten Fragen gefunden. Inzwischen bin ich diesem ominösen 40 ziemlich nahe und kann sagen: Das war eine FehleinschĂ€tzung. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.

    NatĂŒrlich habe ich in den vergangenen 39 Jahren einiges gelernt. Ich weiss heute mehr ĂŒber mich, ĂŒber andere Menschen und darĂŒber, was mir wichtig ist. Ich habe Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, Dinge ausprobiert, mich verliebt, mich geĂ€rgert, Menschen kennengelernt und verloren, gearbeitet, Projekte begonnen und wieder aufgegeben. Ich habe Entscheidungen getroffen, bei denen ich heute froh bin, dass ich sie getroffen habe. Andere wĂŒrde ich heute vermutlich anders treffen. Und bei einigen werde ich nie erfahren, ob die Alternative besser gewesen wĂ€re. Vor allem aber habe ich meine Meinung geĂ€ndert. Und das meine ich nicht nur bei den grossen Dingen. Auch bei erstaunlich banalen. Bequeme Schuhe sind beispielsweise deutlich wichtiger geworden, als mein jĂŒngeres Ich vermutlich akzeptiert hĂ€tte. Zu Hause zu bleiben kann ein hervorragender Samstagabend sein. Und ein freier Nachmittag, an dessen Ende ich nichts vorzuweisen habe, war deswegen nicht verschwendet.

    Andere VerĂ€nderungen gehen etwas tiefer. Ich dachte frĂŒher beispielsweise hĂ€ufiger in Entweder-oder. Heute glaube ich, dass erstaunlich viele Dinge gleichzeitig wahr sein können. Ich kann dankbar fĂŒr mein Leben sein und mir trotzdem wĂŒnschen, dass manches anders wĂ€re. Ich kann einen Menschen lieben und gleichzeitig wĂŒtend auf ihn sein. Ich kann eine Entscheidung fĂŒr richtig halten und trotzdem traurig ĂŒber ihre Konsequenzen sein. Zwei widersprĂŒchliche GefĂŒhle mĂŒssen sich nicht gegenseitig aufheben. Vielleicht gehört das fĂŒr mich zum Älterwerden: Die Zwischentöne werden interessanter.

    Auch mein VerhĂ€ltnis zu Erfolg hat sich verĂ€ndert. Eine Idee muss kein grosses Projekt werden. Ein Projekt muss nicht Tausende Menschen erreichen. Etwas, das zwanzig Menschen Freude macht oder hilft, kann genauso seine Berechtigung haben wie etwas, das zwanzigtausend erreicht. Und manchmal darf ich sogar etwas bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten. Vielleicht sogar einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das klingt rĂŒckblickend ziemlich selbstverstĂ€ndlich. War es fĂŒr mich aber nicht immer. Ähnlich ist es mit Verantwortung. Ich dachte lange, kompetente Menschen hĂ€tten Antworten. Je mehr Verantwortung ich selbst ĂŒbernehme, desto weniger glaube ich daran. Vielleicht zeigt sich Kompetenz manchmal gerade darin, sagen zu können: Das weiss ich nicht. Da habe ich mich geirrt. Das mĂŒssen wir herausfinden.

    Und vielleicht ist das eine der Erkenntnisse, die sich durch besonders viele meiner 39 Punkte zieht: Ich muss nicht fertig sein. Ich muss nicht dieselbe Version von mir bleiben. Ich darf meine Meinung Ă€ndern, auch wenn ich sie frĂŒher sehr selbstbewusst vertreten habe. Ich darf Entscheidungen treffen, die nur fĂŒr jetzt gelten. Und ich muss nicht der Mensch werden, von dem ich irgendwann einmal dachte, dass ich ihn mit 39 darstellen wĂŒrde. Darum habe ich zu meinem Geburtstag 39 Dinge gesammelt, die ich heute anders sehe als frĂŒher. Manche sind Erkenntnisse, die lange gebraucht haben. Andere sind banal. Einige nehme ich sehr ernst, bei anderen muss ich selbst ein bisschen schmunzeln. Und wahrscheinlich werde ich einige davon mit 49 wieder anders sehen.

    1. Man kann jemanden lieben und gleichzeitig wĂŒtend auf diesen Menschen sein.
    2. EnttÀuscht zu sein bedeutet manchmal auch, dass meine Erwartungen nicht realistisch waren.
    3. Ich muss nicht jede Version von mir fĂŒr immer bleiben.
    4. Ich darf meine Meinung Ă€ndern. Auch bei Dingen, bei denen ich frĂŒher sehr ĂŒberzeugt war.
    5. Verantwortung zu ĂŒbernehmen bedeutet nicht, auf alles eine Antwort haben zu mĂŒssen.
    6. Fehler zuzugeben macht einen nicht automatisch weniger kompetent.
    7. Nicht aus jeder guten Idee muss ein Projekt werden.
    8. Und nicht aus jedem Projekt muss etwas Grosses werden.
    9. Etwas fĂŒr 20 Menschen zu machen kann genauso sinnvoll sein wie etwas fĂŒr 20’000.
    10. Man darf etwas einfach machen, weil es Spass macht.
    11. Ich muss mich nicht fĂŒr eine Sache entscheiden, die mich definiert.
    12. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.
    13. Man kann gleichzeitig dankbar fĂŒr sein Leben sein und sich wĂŒnschen, dass manches anders wĂ€re.
    14. GlĂŒck fĂŒhlt sich viel unspektakulĂ€rer an, als ich frĂŒher erwartet habe.
    15. Rituale werden mit zunehmendem Alter wichtiger statt langweiliger.
    16. Die Vergangenheit erklĂ€rt einiges, aber sie entscheidet nicht automatisch ĂŒber die Zukunft.
    17. Es gibt Entscheidungen, bei denen man nie erfahren wird, ob die Alternative besser gewesen wÀre.
    18. Zu Hause bleiben kann ein vollkommen gelungener Samstagabend sein.
    19. Bequeme Schuhe sind wichtiger geworden, als mein jĂŒngeres Ich akzeptiert hĂ€tte.
    20. Man braucht erstaunlich wenig Besitz – und schafft es trotzdem, erstaunlich viel anzusammeln.
    21. Ein freier Nachmittag ohne Plan ist kein verschwendeter Nachmittag.
    22. Man darf Dinge mögen, die andere albern finden.
    23. Geburtstage mĂŒssen sich nicht bedeutsam anfĂŒhlen, um bedeutsam zu sein.
    24. Es ist möglich, zwei widersprĂŒchliche GefĂŒhle gleichzeitig zu haben – ohne dass eines davon falsch ist.
    25. NÀhe entsteht nicht unbedingt dadurch, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen.
    26. Liebe zeigt sich erstaunlich oft in vollkommen unspektakulÀren Dingen.
    27. Es ist leichter, anderen einen Neuanfang zuzugestehen, wenn man sie nicht stÀndig an ihre Vergangenheit erinnert.
    28. Eine Entscheidung muss nicht fĂŒr immer gelten, um heute richtig zu sein.
    29. Manchmal bemerkt man erst im RĂŒckblick, dass man gerade eine ziemlich wichtige Zeit erlebt hat.
    30. Man darf stolz auf etwas sein, ohne es sofort relativieren zu mĂŒssen.
    31. Neugier ist mir inzwischen wichtiger als Recht haben.
    32. Meine erste Reaktion ist nicht immer meine eigentliche Meinung.
    33. Menschen brauchen nicht immer eine Lösung. Manchmal brauchen sie jemanden, der die Situation mit ihnen aushÀlt.
    34. Helfen bedeutet nicht automatisch, etwas fĂŒr jemanden zu erledigen.
    35. Ich darf Dinge bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser könnten.
    36. Ich möchte nicht jĂŒnger sein. Ich möchte nur manchmal mehr Zeit haben.
    37. Ich fĂŒhle mich nicht wie 39. Aber ich weiss auch nicht, wie 39 sich eigentlich anfĂŒhlen sollte.
    38. Ich muss nicht der Mensch werden, den ich mir mit 20 vorgestellt habe.
    39. 39 ist viel weniger alt, als 20-jÀhrige Menschen glauben.

    Wenn ich diese Liste anschaue, fĂ€llt mir auf, dass sie gar nicht besonders gut als Liste von Lebensweisheiten taugt. Zum GlĂŒck. Denn ich möchte mit 39 ganz bestimmt keine 39 Regeln darĂŒber aufstellen, wie man sein Leben richtig lebt. Es sind Momentaufnahmen. Dinge, die ich heute glaube. Dinge, die meine Erfahrungen mit mir gemacht haben. Manche davon habe ich auf angenehme Weise gelernt, andere weniger. Einige hĂ€tte mir vermutlich schon vor zwanzig Jahren jemand sagen können und ich hĂ€tte trotzdem meine eigenen Umwege gebraucht, um sie wirklich zu verstehen. Vielleicht gefĂ€llt mir gerade das am Älterwerden zunehmend: Ich muss meinem frĂŒheren Ich nicht stĂ€ndig vorwerfen, dass es Dinge noch nicht wusste. Es wusste eben das, was es damals wissen konnte.

    Und das gilt auch andersherum. Mein heutiges Ich weiss nicht, was mein zukĂŒnftiges einmal wissen wird. Vielleicht werde ich mit 49 ĂŒber einige Punkte auf dieser Liste lachen. Vielleicht werde ich einen davon lesen und denken: Wie konnte ich davon nur so ĂŒberzeugt sein? Vielleicht kommen Dinge dazu, die ich mir heute noch ĂŒberhaupt nicht vorstellen kann. Das hoffe ich sogar. Denn ich möchte nicht an einem Punkt ankommen, an dem meine Ansichten fertig sind. Ich möchte neugierig bleiben. Mich ĂŒberraschen lassen. Meine Meinung Ă€ndern können. Fehler machen und daraus manchmal tatsĂ€chlich etwas lernen. Neue Dinge ausprobieren, obwohl andere sie besser können. Und weiterhin feststellen, dass manches im Leben gleichzeitig schön und schwierig sein darf.

    39 fĂŒhlt sich fĂŒr mich deshalb weniger wie eine Bilanz an als wie ein Zwischenstand. Ich möchte nicht wieder 20 sein. Wirklich nicht. Ich wĂŒrde höchstens gerne etwas von der Zeit zurĂŒckhaben, die damals scheinbar unbegrenzt vor mir lag. Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht auf all das verzichten, was zwischen 20 und 39 passiert ist. Auf das Schöne genauso wenig wie auf manches, das ich mir lieber erspart hĂ€tte. All das gehört inzwischen zu mir.

    Und so starte ich heute in mein vierzigstes Lebensjahr. Nicht fertig, nicht mit allen Antworten und ziemlich sicher auch nicht mit der endgĂŒltigen Version dieser Liste.

    Aber immerhin mit bequemen Schuhen.

    Und das ist doch schon mal etwas.

  • Wir beginnen nie bei null

    Wir beginnen nie bei null

    Manchmal wĂŒnsche ich mir einen Reset-Knopf. Nicht unbedingt, weil ich alles anders machen möchte. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich mag vieles von dem, was mich heute ausmacht. Aber die Vorstellung hat trotzdem etwas Verlockendes: eine Situation einfach einmal betrachten zu können, ohne bereits eine Meinung dazu zu haben. Einem Menschen begegnen, ohne sich an das letzte schwierige GesprĂ€ch zu erinnern. Eine neue Aufgabe beginnen, ohne an frĂŒhere Fehler zu denken. Eine Entscheidung treffen, ohne dass irgendwo im Hinterkopf schon eine Stimme aufzĂ€hlt, was alles schiefgehen könnte.

    Aber diesen Reset-Knopf gibt es nicht. Wir beginnen nie bei null. Je Ă€lter ich werde, desto mehr merke ich, wie viel wir stĂ€ndig mit uns herumtragen. Erfahrungen, Erinnerungen, Erfolge, Fehler, EnttĂ€uschungen, Begegnungen, Abschiede. Dinge, die wir irgendwann gelernt haben. Dinge, von denen wir dachten, wir hĂ€tten sie gelernt. Dinge, die wir gerne wieder verlernen wĂŒrden. Vielleicht ist das dieser berĂŒhmte Rucksack, von dem immer wieder gesprochen wird. Wobei ich das Bild vom Rucksack lange etwas negativ fand. Als wĂ€re alles, was wir aus unserer Vergangenheit mitbringen, automatisch Ballast.

    Dabei steckt darin ziemlich viel Gutes. In meinem Rucksack sind Menschen, von denen ich etwas gelernt habe. GesprĂ€che, die mich verĂ€ndert haben. Situationen, die schwierig waren und von denen ich heute weiss: Ich habe sie ĂŒberstanden. Da sind Fehler, die ich wahrscheinlich nicht noch einmal machen wĂŒrde. Erfahrungen aus meinem Beruf. Aus Beziehungen. Aus Freundschaften. Aus Projekten, die funktioniert haben – und aus solchen, die ziemlich spektakulĂ€r nicht funktioniert haben. All das hilft mir heute. Wenn ich vor einer neuen Aufgabe stehe, beginne ich eben nicht mehr bei null. Wenn ich Verantwortung ĂŒbernehme, bringe ich Erfahrungen damit mit. Wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, weiss ich inzwischen ein bisschen besser, was mir liegt und was nicht. Wenn etwas schiefgeht, kenne ich vielleicht sogar schon das GefĂŒhl, das danach kommt. Das ist eine ziemlich grossartige Sache am Älterwerden: Wir sammeln nicht nur Jahre. Wir sammeln Orientierung.

    Nur hat die Sache einen Haken. Denn im selben Rucksack liegen auch die anderen Dinge. EnttĂ€uschungen zum Beispiel. Verletzungen. Situationen, in denen Vertrauen nicht belohnt wurde. Momente, in denen wir uns vorgenommen haben: Das passiert mir nicht noch einmal. Und manchmal sind diese Erfahrungen erstaunlich laut. Dann passiert heute etwas – und wir reagieren nicht nur auf das, was heute passiert. Ein Satz erinnert uns an einen anderen Satz. Eine Situation fĂŒhlt sich plötzlich verdĂ€chtig bekannt an. Jemand enttĂ€uscht uns und bekommt vielleicht ungewollt auch noch etwas von der EnttĂ€uschung ab, die andere Menschen vor Jahren verursacht haben.

    Je lĂ€nger wir einen Menschen kennen, desto voller kann dieser gemeinsame Rucksack werden. Irgendwann besteht eine Beziehung – ganz egal ob Partnerschaft, Freundschaft, Familie oder Zusammenarbeit – nicht mehr nur aus dem, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht. Da sind all die vorherigen Begegnungen ebenfalls im Raum. Das kann wunderschön sein. Ein Blick reicht, und beide wissen, was gemeint ist. Ein Satz erinnert an eine Geschichte von vor zehn Jahren. Man kennt Eigenheiten, SchwĂ€chen und StĂ€rken des anderen. Aber manchmal sitzt eben auch die Vergangenheit mit am Tisch.

    Vielleicht ist eine der schwierigsten Aufgaben beim Älterwerden deshalb, unsere Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne ihnen automatisch recht zu geben. Nur weil etwas einmal schiefgegangen ist, muss es nicht wieder schiefgehen. Nur weil mich jemand einmal enttĂ€uscht hat, bedeutet das nicht, dass ich von nun an jede Handlung durch diese EnttĂ€uschung betrachten muss. Nur weil ich bei etwas einmal gescheitert bin, bin ich nicht zum Scheitern verdammt. Und nur weil ich glaube, eine Situation wiederzuerkennen, bedeutet das nicht, dass ich bereits weiss, wie sie ausgehen wird.

    Das gilt auch fĂŒr die Geschichten, die wir ĂŒber uns selbst erzĂ€hlen. «Das kann ich nicht.» «So bin ich eben.» «Damit hatte ich schon immer MĂŒhe.» Solche SĂ€tze können irgendwann erstaunlich stabil werden. Vielleicht waren sie sogar einmal wahr. Aber Menschen sind keine abgeschlossenen Projekte. Die Person, ĂŒber die ich vor zehn Jahren etwas gelernt habe, existiert so heute gar nicht mehr. Selbst wenn diese Person ich selbst bin. Vielleicht bedeutet Erfahrung deshalb nicht nur, aus der Vergangenheit zu lernen. Vielleicht gehört auch dazu, ihr gelegentlich zu widersprechen. Zu sagen: Ja, das habe ich erlebt. Ja, das hat mich geprĂ€gt. Ja, deshalb reagiere ich heute manchmal so, wie ich reagiere. Aber es ist nicht die einzige Möglichkeit.

    Ich kann meinen Rucksack nicht einfach ausleeren. Und inzwischen glaube ich auch nicht mehr, dass ich das möchte. Zu viel von dem, was darin liegt, gehört zu mir. Schönes und Schwieriges. Erfolge und Fehler. Menschen, die geblieben sind, und Menschen, die irgendwann verschwunden sind. Dinge, auf die ich stolz bin, und Dinge, die ich heute anders machen wĂŒrde. Vielleicht geht es vielmehr darum, gelegentlich hineinzuschauen. Was trage ich da eigentlich mit mir herum? Was davon hilft mir heute noch? Was schĂŒtzt mich? Und was ist inzwischen einfach nur schwer?

    Manches werden wir vermutlich unser ganzes Leben mit uns tragen. Aber vielleicht können wir lernen, es anders zu tragen. Vielleicht können wir manches irgendwann auspacken. Und vielleicht entdecken wir dabei sogar Dinge, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass sie ebenfalls darin liegen. Mut zum Beispiel. Die Erinnerung daran, dass wir schon einmal etwas geschafft haben. Oder die Erfahrung, dass ein Ende manchmal gleichzeitig ein Anfang war.

    Wir können unsere Geschichte nicht löschen. Und wahrscheinlich wĂ€re das auch gar nicht so erstrebenswert. Denn ohne all das, was vorher war, wĂ€ren wir nicht die Menschen, die heute vor der nĂ€chsten Entscheidung, dem nĂ€chsten Menschen, der nĂ€chsten Aufgabe oder dem nĂ€chsten Kapitel stehen. Wir beginnen nie bei null. Aber vielleicht ist genau das die gute Nachricht. Denn neu anzufangen bedeutet nicht, alles vergessen zu mĂŒssen, was vorher war. Es bedeutet auch nicht, wieder der Mensch werden zu mĂŒssen, der man einmal war. Wir dĂŒrfen alles mitnehmen, was wir gelernt haben. Wir dĂŒrfen manches zurĂŒcklassen. Und wir dĂŒrfen unterwegs unsere Meinung darĂŒber Ă€ndern, was davon was ist.

    Wir beginnen zwar nie bei null. Aber wir dĂŒrfen trotzdem immer wieder neu anfangen.

  • Verantwortung fĂŒhlt sich heute anders an

    Verantwortung fĂŒhlt sich heute anders an

    Vor ein paar Wochen habe ich die Zusage fĂŒr eine neue Aufgabe erhalten: Nach den Sommerferien werde ich die Teamleitung des Internats an der Sprachheilschule Wabern ĂŒbernehmen. Ich freue mich sehr darauf. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich diese Vorfreude mit einer grossen Portion Respekt verbinde. Nicht, weil ich Angst vor der Aufgabe habe, sondern weil ich weiss, dass FĂŒhrung immer auch bedeutet, Verantwortung fĂŒr andere Menschen zu ĂŒbernehmen. Und je nĂ€her der Start rĂŒckt, desto mehr denke ich darĂŒber nach, was Verantwortung fĂŒr mich eigentlich bedeutet.

    Das Spannende ist, dass dies nicht meine erste FĂŒhrungsaufgabe ist. Vor vielen Jahren durfte ich bereits einmal ein kleines Team leiten. Damals war ich deutlich jĂŒnger und ĂŒberzeugt, dass gute FĂŒhrung vor allem bedeutet, kompetent zu wirken, Entscheidungen zu treffen und möglichst alles im Griff zu haben. RĂŒckblickend war ich fĂŒr diese Aufgabe noch nicht bereit. Nicht, weil ich ungeeignet gewesen wĂ€re, sondern weil ich selbst noch auf der Suche nach meiner eigenen Sicherheit war. Ich wollte es allen recht machen, stellte meine eigenen AnsprĂŒche oft ĂŒber meine eigenen Grenzen und hatte stĂ€ndig das GefĂŒhl, beweisen zu mĂŒssen, dass ich diese Rolle verdiene. Irgendwann wurde mir klar, dass mich diese Aufgabe mehr Kraft kostete, als sie mir gab. Das einzugestehen war damals schwierig. Heute empfinde ich genau diese Erfahrung als eine der wertvollsten ĂŒberhaupt.

    In den Jahren danach ist viel passiert. Ich habe weiter als SozialpĂ€dagoge gearbeitet, Kinder und Jugendliche begleitet, Konflikte erlebt, schwierige GesprĂ€che gefĂŒhrt und gelernt, dass Beziehungen fast nie so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Ich durfte neue Mitarbeitende begleiten, Projekte ĂŒbernehmen, Verantwortung tragen und vor allem beobachten, was Teams stark macht – und was eben nicht. Dabei habe ich gemerkt, dass ich selbst ruhiger geworden bin. Ich muss nicht mehr auf alles sofort eine Antwort haben. Ich halte Unsicherheit besser aus als frĂŒher und weiss heute, dass man Vertrauen nicht dadurch gewinnt, dass man perfekt wirkt, sondern dadurch, dass man ehrlich, verlĂ€sslich und ansprechbar ist.

    Vielleicht ist genau das der grösste Unterschied zu meinem jĂŒngeren Ich. FrĂŒher dachte ich, eine FĂŒhrungsperson mĂŒsse möglichst viele Antworten kennen. Heute glaube ich, dass es oft wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen. FrĂŒher wollte ich Probleme möglichst schnell lösen. Heute weiss ich, dass gute Lösungen hĂ€ufig gemeinsam entstehen und dass Zuhören manchmal wertvoller ist als Reden.

    Ich weiss nicht, wie ich in ein paar Jahren auf diesen Blogbeitrag zurĂŒckblicken werde. Wahrscheinlich werde ich ĂŒber einige Gedanken schmunzeln und andere ergĂ€nzen wollen. Vielleicht werde ich feststellen, dass ich gewisse Dinge völlig falsch eingeschĂ€tzt habe. Und ehrlich gesagt hoffe ich sogar, dass das so sein wird. Denn das wĂŒrde bedeuten, dass ich weiter gelernt habe. Gute FĂŒhrung ist fĂŒr mich kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Sie ist etwas, das sich stĂ€ndig verĂ€ndert – mit jeder Begegnung, jedem Fehler, jeder RĂŒckmeldung und jeder neuen Erfahrung.

    Deshalb starte ich diese neue Aufgabe nicht mit dem Anspruch, alles richtig zu machen. Ich starte mit Neugier, mit Respekt vor der Verantwortung und mit dem Wunsch, gemeinsam mit meinem Team eine gute Arbeitskultur zu gestalten. Eine Kultur, in der man offen miteinander spricht, unterschiedliche Meinungen aushĂ€lt, sich gegenseitig unterstĂŒtzt und auch einmal sagen darf: «Ich weiss es gerade nicht.» Denn wenn ich in den letzten Jahren etwas gelernt habe, dann dies: Menschen erwarten keine perfekten FĂŒhrungspersonen. Sie wĂŒnschen sich Menschen, denen sie vertrauen können.

    Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner ersten FĂŒhrungsrolle mitgenommen habe. Verantwortung bedeutet fĂŒr mich heute nicht mehr, alles zu tragen. Verantwortung bedeutet, dafĂŒr zu sorgen, dass niemand das GefĂŒhl hat, alles alleine tragen zu mĂŒssen.

  • Das kleine Loch an meinen Ohren

    Das kleine Loch an meinen Ohren

    Jede Familie hat ihre Eigenheiten.

    Manche vererben blaue Augen. Andere Sommersprossen. Meine Mutter hat mir unter anderem zwei winzige Löcher vererbt.

    Genauer gesagt: Je eines vor jedem Ohr. Sie hat sie. Ich habe sie auch.

    Diese kleinen Öffnungen nennt man Ohrfisteln.

    FĂŒr mich waren sie deshalb nie etwas Besonderes. Ich bin damit aufgewachsen und wusste schon als Kind, dass sie harmlos sind. Trotzdem gab es von meiner Mutter immer wieder dieselbe Warnung: Ich solle nicht stĂ€ndig daran herumspielen.

    Wie sich herausstellt, war das ein ziemlich guter Rat.

    Denn obwohl eine Ohrfistel in den allermeisten FĂ€llen keine Probleme verursacht, kann sie gelegentlich jucken oder sich entzĂŒnden. Dann merkt man plötzlich wieder, dass dieses winzige Loch ĂŒberhaupt existiert. Zum GlĂŒck passiert das bei mir nur selten.

    Medizinisch handelt es sich um eine angeborene Besonderheit. WĂ€hrend sich das Ohr im Mutterleib entwickelt, schliesst sich das Gewebe an einer Stelle nicht vollstĂ€ndig. Dadurch bleibt ein kleiner Gang unter der Haut zurĂŒck. Die meisten Menschen haben keine Ohrfistel – wer eine hat, trĂ€gt sie aber meist sein ganzes Leben lang mit sich herum.

    Ich habe mich schon vor Jahren darĂŒber informiert. Irgendwie faszinieren mich solche kleinen Eigenheiten des menschlichen Körpers. Dinge, die man tĂ€glich mit sich herumtrĂ€gt, ohne gross darĂŒber nachzudenken. Geschrieben habe ich darĂŒber allerdings bisher nie.

    Besonders spannend finde ich die evolutionÀre Seite. WÀhrend der Entwicklung eines Embryos entstehen sogenannte Kiemenbögen. Sie haben denselben evolutionÀren Ursprung wie Strukturen, aus denen sich bei unseren sehr weit entfernten Vorfahren Kiemen entwickelten. Beim Menschen entstehen daraus spÀter unter anderem Teile des Gesichts, des Halses und der Ohren. Einige Forschende vermuten deshalb, dass Ohrfisteln mit dieser uralten Entwicklungsgeschichte zusammenhÀngen könnten.

    Ob diese Theorie am Ende stimmt oder nicht, spielt fĂŒr mich fast keine Rolle. Ich mag einfach die Vorstellung, dass ich an beiden Ohren ein winziges anatomisches Detail trage, das möglicherweise bis zu unseren evolutionĂ€ren UrsprĂŒngen zurĂŒckreicht.

    Es sind genau diese kleinen Besonderheiten, die ich spannend finde. Man denkt selten ĂŒber sie nach, sie erfĂŒllen keinen besonderen Zweck und doch erzĂ€hlen sie etwas darĂŒber, wie unglaublich komplex der menschliche Körper entstanden ist.

    Und ganz nebenbei hat meine Mutter mir damit nicht nur eine Ohrfistel vererbt, sondern auch den richtigen Umgang damit.

  • „Wer bin ich?“ – Ein RĂŒckblick auf die Tagung zu Neurodivergenz und GeschlechtsidentitĂ€t

    „Wer bin ich?“ – Ein RĂŒckblick auf die Tagung zu Neurodivergenz und GeschlechtsidentitĂ€t

    Am 13. MĂ€rz 2026 fand in ZĂŒrich eine wegweisende Tagung statt, die sich einer der komplexesten Fragen unserer Zeit widmete: Wie hĂ€ngen neurobiologische Vielfalt und die Entwicklung der GeschlechtsidentitĂ€t bei Kindern und Jugendlichen zusammen?. Unter dem Titel „Wer bin ich?“ beleuchteten Expertinnen aus Medizin, Psychologie und PĂ€dagogik die Schnittmengen zweier Spektren, die in der klinischen Praxis und im Alltag immer mehr an Bedeutung gewinnen.

    NeurodiversitÀt: Vielfalt statt Störung

    Der Begriff NeurodiversitĂ€t beschreibt die natĂŒrliche Vielfalt der menschlichen Gehirnentwicklung. Neurodivergente Menschen – dazu gehören etwa Personen im Autismus-Spektrum, mit ADHS, Dyslexie oder Hochbegabung â€“ verarbeiten Informationen anders, als es der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht.

    Ein zentrales Anliegen der Tagung war die Entpathologisierung. Das Label „neurodivergent“ soll Betroffene entlasten: Weg vom reinen Störungsdenken, hin zur Akzeptanz neurologischer Merkmale, die oft von aussen nicht sichtbar sind, aber Wahrnehmung und soziale Interaktion tiefgreifend beeinflussen.

    GeschlechtsidentitÀt im Wandel

    Parallel zur neurobiologischen Vielfalt hat sich unser VerstĂ€ndnis von Geschlecht gewandelt. Geschlecht ist ein Spektrum. WĂ€hrend frĂŒher Kategorien wie „homosexuell“ oder „transsexuell“ starr besetzt waren, definieren heutige Jugendliche ihre IdentitĂ€t oft aktiv und individuell, etwa als genderqueer, non-binĂ€r oder asexuell.

    Dabei ist wichtig zu verstehen:

    • Die GeschlechtsidentitĂ€t (das innere Wissen, wer man ist) lĂ€sst sich nicht von aussen ablesen.
    • Die meisten Menschen entwickeln bereits frĂŒh eine Geschlechtskonstanz, doch im Jugendalter nehmen Schwankungen und die Zuordnung zum nicht-binĂ€ren Spektrum zu.
    • Non-binĂ€re Menschen identifizieren sich nicht oder nur teilweise mit den Kategorien „mĂ€nnlich“ oder „weiblich“.

    Wenn sich die Spektren treffen: Die Schnittmenge

    Ein Schwerpunkt der Tagung war die ĂŒberzufĂ€llige HĂ€ufigkeit, mit der Neurodivergenz und Geschlechtsvarianz gemeinsam auftreten. Studien zeigen, dass etwa 9 % bis 11 % der Jugendlichen in Gendersprechstunden eine Autismus-Diagnose haben – ein Vielfaches im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.

    Warum ist das so? Diskutiert werden verschiedene ErklÀrungsmodelle:

    1. Kognitiver Stil: Autistische Menschen orientieren sich oft weniger an sozialen Normen und hinterfragen Geschlechterrollen daher hĂ€ufiger kritisch.
    2. Gemeinsame VulnerabilitĂ€t: Es könnten ĂŒberlappende genetische oder neurobiologische Faktoren vorliegen.
    3. MinoritĂ€tenstress: Die Interaktion von Neurodivergenz und sozialer Ausgrenzung kann die IdentitĂ€tsdissonanz verstĂ€rken.

    Besondere Herausforderungen und Schutzfaktoren

    Jugendliche, die an dieser Schnittstelle stehen, erleben oft einen doppelten MinoritĂ€tenstress. Das Risiko fĂŒr psychische Belastungen, Angststörungen und SuizidalitĂ€t ist besorgniserregend hoch. 50-70 % der trans Jugendlichen berichten von Suizidgedanken oder Selbstverletzungen.

    Als protektive Faktoren wurden vor allem eine gute UnterstĂŒtzung durch die Familie und Peers sowie die soziale Transition (das Leben im Wunschgeschlecht) genannt.

    Was braucht es in der Begleitung?

    FĂŒr Fachpersonen und Eltern ergaben sich aus der Tagung klare Handlungsempfehlungen fĂŒr einen sensiblen Umgang:

    • Ergebnisoffene Haltung: UnterstĂŒtzung bedeutet nicht, eine Richtung vorzugeben, sondern den Prozess der IdentitĂ€tsfindung zu validieren und Zeit zu lassen.
    • Anpassung der Kommunikation: Besonders bei autistischen Jugendlichen sind klare Strukturen, Reizreduktion und die Nutzung visueller Hilfsmittel entscheidend.
    • Inklusive Sprache: Die Verwendung der gewĂŒnschten Pronomen und Namen ist ein Akt des Respekts und der Sicherheit.
    • Validierung statt Skepsis: Die Sorgen der Eltern mĂŒssen ernst genommen werden, ohne dabei die IdentitĂ€t des Kindes zu relativieren.

    Fazit

    NeurodiversitĂ€t und Geschlechtervielfalt sind keine Modediagnosen, sondern Ausdruck der menschlichen Vielfalt. Die Tagung machte deutlich: Wir mĂŒssen lernen, ĂŒber den Tellerrand binĂ€rer Normen hinauszuschauen. Wenn wir Rahmenbedingungen anpassen und StĂ€rken fokussieren, können wir Erfolgserlebnisse generieren und jungen Menschen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden – genau so, wie sie sind.

    Quellen

    Nachfolgend sind die Quellen, die als Grundlage fĂŒr den Blogbeitrag zur Tagung â€žWer bin ich? Neurodivergenz und GeschlechtsidentitĂ€t im Kinder- und Jugendalter“ (ZĂŒrich, 13.03.2026) dienten: 

    • Dr. med. univ. Cornelia Galanda: Neurodivergenz im Kindes- und Jugendalter mit Fokus auf Autismus und ADHS. Stiftung visoparents.
    • KD Dr. med. Dagmar Pauli: Trans, nicht-binĂ€r, gender-nonconforming. Was brauchen genderdiverse Kinder und Jugendliche aus medizinisch-therapeutischer Perspektive? Psychiatrische UniversitĂ€tsklinik ZĂŒrich / Stiftung visoparents.
    • Evianne HĂŒbscher: Geschlechtervielfalt – NonbinaritĂ€t: Die vielfĂ€ltigen Dimensionen von Geschlecht. Geschlechter-Radar / Stiftung visoparents.
    • Tanja Schenker: Wenn Neurodivergenz und Geschlechtsvarianz zusammentreffen. Psychiatrische UniversitĂ€tsklinik ZĂŒrich / Stiftung visoparents.

    Diese Unterlagen enthalten zudem zahlreiche Verweise auf internationale Studien (z. B. von Warrier et al., 2020 oder de Vries et al., 2014) sowie medizinische Klassifikationssysteme wie das ICD-11 und DSM-5, die die wissenschaftliche Basis der Tagung bilden.