Tag: Mindfulness

  • Wir beginnen nie bei null

    Wir beginnen nie bei null

    Manchmal wünsche ich mir einen Reset-Knopf. Nicht unbedingt, weil ich alles anders machen möchte. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich mag vieles von dem, was mich heute ausmacht. Aber die Vorstellung hat trotzdem etwas Verlockendes: eine Situation einfach einmal betrachten zu können, ohne bereits eine Meinung dazu zu haben. Einem Menschen begegnen, ohne sich an das letzte schwierige Gespräch zu erinnern. Eine neue Aufgabe beginnen, ohne an frühere Fehler zu denken. Eine Entscheidung treffen, ohne dass irgendwo im Hinterkopf schon eine Stimme aufzählt, was alles schiefgehen könnte.

    Aber diesen Reset-Knopf gibt es nicht. Wir beginnen nie bei null. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie viel wir ständig mit uns herumtragen. Erfahrungen, Erinnerungen, Erfolge, Fehler, Enttäuschungen, Begegnungen, Abschiede. Dinge, die wir irgendwann gelernt haben. Dinge, von denen wir dachten, wir hätten sie gelernt. Dinge, die wir gerne wieder verlernen würden. Vielleicht ist das dieser berühmte Rucksack, von dem immer wieder gesprochen wird. Wobei ich das Bild vom Rucksack lange etwas negativ fand. Als wäre alles, was wir aus unserer Vergangenheit mitbringen, automatisch Ballast.

    Dabei steckt darin ziemlich viel Gutes. In meinem Rucksack sind Menschen, von denen ich etwas gelernt habe. Gespräche, die mich verändert haben. Situationen, die schwierig waren und von denen ich heute weiss: Ich habe sie überstanden. Da sind Fehler, die ich wahrscheinlich nicht noch einmal machen würde. Erfahrungen aus meinem Beruf. Aus Beziehungen. Aus Freundschaften. Aus Projekten, die funktioniert haben – und aus solchen, die ziemlich spektakulär nicht funktioniert haben. All das hilft mir heute. Wenn ich vor einer neuen Aufgabe stehe, beginne ich eben nicht mehr bei null. Wenn ich Verantwortung übernehme, bringe ich Erfahrungen damit mit. Wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, weiss ich inzwischen ein bisschen besser, was mir liegt und was nicht. Wenn etwas schiefgeht, kenne ich vielleicht sogar schon das Gefühl, das danach kommt. Das ist eine ziemlich grossartige Sache am Älterwerden: Wir sammeln nicht nur Jahre. Wir sammeln Orientierung.

    Nur hat die Sache einen Haken. Denn im selben Rucksack liegen auch die anderen Dinge. Enttäuschungen zum Beispiel. Verletzungen. Situationen, in denen Vertrauen nicht belohnt wurde. Momente, in denen wir uns vorgenommen haben: Das passiert mir nicht noch einmal. Und manchmal sind diese Erfahrungen erstaunlich laut. Dann passiert heute etwas – und wir reagieren nicht nur auf das, was heute passiert. Ein Satz erinnert uns an einen anderen Satz. Eine Situation fühlt sich plötzlich verdächtig bekannt an. Jemand enttäuscht uns und bekommt vielleicht ungewollt auch noch etwas von der Enttäuschung ab, die andere Menschen vor Jahren verursacht haben.

    Je länger wir einen Menschen kennen, desto voller kann dieser gemeinsame Rucksack werden. Irgendwann besteht eine Beziehung – ganz egal ob Partnerschaft, Freundschaft, Familie oder Zusammenarbeit – nicht mehr nur aus dem, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht. Da sind all die vorherigen Begegnungen ebenfalls im Raum. Das kann wunderschön sein. Ein Blick reicht, und beide wissen, was gemeint ist. Ein Satz erinnert an eine Geschichte von vor zehn Jahren. Man kennt Eigenheiten, Schwächen und Stärken des anderen. Aber manchmal sitzt eben auch die Vergangenheit mit am Tisch.

    Vielleicht ist eine der schwierigsten Aufgaben beim Älterwerden deshalb, unsere Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne ihnen automatisch recht zu geben. Nur weil etwas einmal schiefgegangen ist, muss es nicht wieder schiefgehen. Nur weil mich jemand einmal enttäuscht hat, bedeutet das nicht, dass ich von nun an jede Handlung durch diese Enttäuschung betrachten muss. Nur weil ich bei etwas einmal gescheitert bin, bin ich nicht zum Scheitern verdammt. Und nur weil ich glaube, eine Situation wiederzuerkennen, bedeutet das nicht, dass ich bereits weiss, wie sie ausgehen wird.

    Das gilt auch für die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen. «Das kann ich nicht.» «So bin ich eben.» «Damit hatte ich schon immer Mühe.» Solche Sätze können irgendwann erstaunlich stabil werden. Vielleicht waren sie sogar einmal wahr. Aber Menschen sind keine abgeschlossenen Projekte. Die Person, über die ich vor zehn Jahren etwas gelernt habe, existiert so heute gar nicht mehr. Selbst wenn diese Person ich selbst bin. Vielleicht bedeutet Erfahrung deshalb nicht nur, aus der Vergangenheit zu lernen. Vielleicht gehört auch dazu, ihr gelegentlich zu widersprechen. Zu sagen: Ja, das habe ich erlebt. Ja, das hat mich geprägt. Ja, deshalb reagiere ich heute manchmal so, wie ich reagiere. Aber es ist nicht die einzige Möglichkeit.

    Ich kann meinen Rucksack nicht einfach ausleeren. Und inzwischen glaube ich auch nicht mehr, dass ich das möchte. Zu viel von dem, was darin liegt, gehört zu mir. Schönes und Schwieriges. Erfolge und Fehler. Menschen, die geblieben sind, und Menschen, die irgendwann verschwunden sind. Dinge, auf die ich stolz bin, und Dinge, die ich heute anders machen würde. Vielleicht geht es vielmehr darum, gelegentlich hineinzuschauen. Was trage ich da eigentlich mit mir herum? Was davon hilft mir heute noch? Was schützt mich? Und was ist inzwischen einfach nur schwer?

    Manches werden wir vermutlich unser ganzes Leben mit uns tragen. Aber vielleicht können wir lernen, es anders zu tragen. Vielleicht können wir manches irgendwann auspacken. Und vielleicht entdecken wir dabei sogar Dinge, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass sie ebenfalls darin liegen. Mut zum Beispiel. Die Erinnerung daran, dass wir schon einmal etwas geschafft haben. Oder die Erfahrung, dass ein Ende manchmal gleichzeitig ein Anfang war.

    Wir können unsere Geschichte nicht löschen. Und wahrscheinlich wäre das auch gar nicht so erstrebenswert. Denn ohne all das, was vorher war, wären wir nicht die Menschen, die heute vor der nächsten Entscheidung, dem nächsten Menschen, der nächsten Aufgabe oder dem nächsten Kapitel stehen. Wir beginnen nie bei null. Aber vielleicht ist genau das die gute Nachricht. Denn neu anzufangen bedeutet nicht, alles vergessen zu müssen, was vorher war. Es bedeutet auch nicht, wieder der Mensch werden zu müssen, der man einmal war. Wir dürfen alles mitnehmen, was wir gelernt haben. Wir dürfen manches zurücklassen. Und wir dürfen unterwegs unsere Meinung darüber ändern, was davon was ist.

    Wir beginnen zwar nie bei null. Aber wir dürfen trotzdem immer wieder neu anfangen.

  • Warum ich mir das reMarkable Paper Pro Move gekauft habe

    Warum ich mir das reMarkable Paper Pro Move gekauft habe

    Weniger Apps, mehr Fokus: Warum ich mir das reMarkable Paper Pro Move gekauft habe

    Ich habe mir vor zwei Tagen das reMarkable Paper Pro Move gekauft, weil ich gemerkt habe, dass ich etwas anderes brauche. Etwas Ruhigeres. Etwas, das mich unterstützt, statt ständig Aufmerksamkeit von mir zu verlangen. Gerade mit ADHS merke ich schnell, wenn digitale Tools irgendwann mehr Energie kosten, als sie eigentlich sparen sollten.

    Das Lustige ist: Ich war selbst mitten daran, eine Tasklist-App zu entwickeln. Die Idee dahinter war gut, und ich finde das Konzept noch immer spannend. Aber während ich daran gearbeitet habe, habe ich gleichzeitig gemerkt, dass selbst eine bewusst reduzierte Produktivitäts-App für meinen persönlichen Use Case nicht ganz das trifft, was ich eigentlich suche. Irgendwann ist selbst die beste App halt wieder eine App – mit Menüs, Optionen, Einstellungen und dem kleinen Risiko, sich doch wieder in „Produktivität“ statt in der eigentlichen Aufgabe zu verlieren.

    Genau deshalb hat mich das reMarkable Paper Pro Move angesprochen. Kein App Store, keine Notifications, keine tausend Funktionen. Einfach schreiben, lesen und organisieren. Mehr nicht. Und genau dieses „Mehr nicht“ fühlt sich gerade überraschend richtig an.

    Natürlich kann ich nach zwei Tagen noch kein endgültiges Fazit ziehen, aber ich merke jetzt schon, dass sich etwas verändert. Gedanken landen schneller an einem Ort. Ich greife wieder öfter zum Stift. Ideen bleiben nicht mehr irgendwo zwischen Notizen-App, Handy und losem Papier hängen. Das Schreiben fühlt sich direkter an und irgendwie bewusster, fast so, als würde mein Kopf etwas langsamer werden dürfen.

    Was ich besonders spannend finde: Die Begrenzung wirkt nicht einschränkend, sondern befreiend. Wir sind so daran gewöhnt, dass Geräte immer mehr können müssen, aber ich habe langsam das Gefühl, dass mein Gehirn eigentlich vom Gegenteil profitiert. Weniger Möglichkeiten bedeuten weniger Entscheidungen. Weniger Entscheidungen bedeuten weniger mentale Reibung. Und weniger mentale Reibung bedeutet oft mehr Fokus.

    Auch das Lesen fühlt sich anders an. Auf dem Handy verliere ich schnell die Konzentration, weil immer irgendetwas wartet. Hier gibt es nur den Text. Kein schnelles Wechseln zwischen Apps, keine kleinen Unterbrechungen. Einfach lesen.

    Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich im Moment so anspricht: Das Gerät versucht nicht, mich möglichst lange zu beschäftigen. Es versucht nicht, meine Aufmerksamkeit festzuhalten. Es ist einfach da, wenn ich etwas festhalten oder lesen möchte, und verschwindet danach wieder in den Hintergrund.

    Und vielleicht ist das gerade für ein ADHS-Gehirn gar keine so schlechte Idee.