{"id":158176350,"date":"2026-08-21T07:14:49","date_gmt":"2026-08-21T05:14:49","guid":{"rendered":"https:\/\/fabiohuwyler.com\/?p=158176350"},"modified":"2026-11-02T20:50:38","modified_gmt":"2026-11-02T19:50:38","slug":"39-dinge-die-ich-mit-39-anders-sehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fabiohuwyler.com\/de\/39-dinge-die-ich-mit-39-anders-sehe\/","title":{"rendered":"39 Dinge, die ich mit 39 anders sehe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute werde ich 39.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Ich weiss nicht genau, wie sich 39 anf\u00fchlen sollte. Vermutlich ist das bereits eine meiner Erkenntnisse der letzten Jahre: Die meisten Alterszahlen f\u00fchlen sich von innen erstaunlich unspektakul\u00e4r an. Als Kind hatte ich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Erwachsene mit 30, 40 oder 50 sein w\u00fcrden. Sie w\u00fcrden wissen, was sie tun. Sie h\u00e4tten ihr Leben eingerichtet, wichtige Entscheidungen getroffen und vermutlich Antworten auf die meisten Fragen gefunden. Inzwischen bin ich diesem omin\u00f6sen 40 ziemlich nahe und kann sagen: Das war eine Fehleinsch\u00e4tzung. Erwachsene improvisieren erschreckend viel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich habe ich in den vergangenen 39 Jahren einiges gelernt. Ich weiss heute mehr \u00fcber mich, \u00fcber andere Menschen und dar\u00fcber, was mir wichtig ist. Ich habe Erfahrungen gesammelt, Fehler gemacht, Dinge ausprobiert, mich verliebt, mich ge\u00e4rgert, Menschen kennengelernt und verloren, gearbeitet, Projekte begonnen und wieder aufgegeben. Ich habe Entscheidungen getroffen, bei denen ich heute froh bin, dass ich sie getroffen habe. Andere w\u00fcrde ich heute vermutlich anders treffen. Und bei einigen werde ich nie erfahren, ob die Alternative besser gewesen w\u00e4re. Vor allem aber habe ich meine Meinung ge\u00e4ndert. Und das meine ich nicht nur bei den grossen Dingen. Auch bei erstaunlich banalen. Bequeme Schuhe sind beispielsweise deutlich wichtiger geworden, als mein j\u00fcngeres Ich vermutlich akzeptiert h\u00e4tte. Zu Hause zu bleiben kann ein hervorragender Samstagabend sein. Und ein freier Nachmittag, an dessen Ende ich nichts vorzuweisen habe, war deswegen nicht verschwendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Andere Ver\u00e4nderungen gehen etwas tiefer. Ich dachte fr\u00fcher beispielsweise h\u00e4ufiger in Entweder-oder. Heute glaube ich, dass erstaunlich viele Dinge gleichzeitig wahr sein k\u00f6nnen. Ich kann dankbar f\u00fcr mein Leben sein und mir trotzdem w\u00fcnschen, dass manches anders w\u00e4re. Ich kann einen Menschen lieben und gleichzeitig w\u00fctend auf ihn sein. Ich kann eine Entscheidung f\u00fcr richtig halten und trotzdem traurig \u00fcber ihre Konsequenzen sein. Zwei widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle m\u00fcssen sich nicht gegenseitig aufheben. Vielleicht geh\u00f6rt das f\u00fcr mich zum \u00c4lterwerden: Die Zwischent\u00f6ne werden interessanter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Auch mein Verh\u00e4ltnis zu Erfolg hat sich ver\u00e4ndert. Eine Idee muss kein grosses Projekt werden. Ein Projekt muss nicht Tausende Menschen erreichen. Etwas, das zwanzig Menschen Freude macht oder hilft, kann genauso seine Berechtigung haben wie etwas, das zwanzigtausend erreicht. Und manchmal darf ich sogar etwas bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser k\u00f6nnten. Vielleicht sogar einfach nur, weil ich Lust darauf habe. Das klingt r\u00fcckblickend ziemlich selbstverst\u00e4ndlich. War es f\u00fcr mich aber nicht immer. \u00c4hnlich ist es mit Verantwortung. Ich dachte lange, kompetente Menschen h\u00e4tten Antworten. Je mehr Verantwortung ich selbst \u00fcbernehme, desto weniger glaube ich daran. Vielleicht zeigt sich Kompetenz manchmal gerade darin, sagen zu k\u00f6nnen: Das weiss ich nicht. Da habe ich mich geirrt. Das m\u00fcssen wir herausfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Und vielleicht ist das eine der Erkenntnisse, die sich durch besonders viele meiner 39 Punkte zieht: Ich muss nicht fertig sein. Ich muss nicht dieselbe Version von mir bleiben. Ich darf meine Meinung \u00e4ndern, auch wenn ich sie fr\u00fcher sehr selbstbewusst vertreten habe. Ich darf Entscheidungen treffen, die nur f\u00fcr jetzt gelten. Und ich muss nicht der Mensch werden, von dem ich irgendwann einmal dachte, dass ich ihn mit 39 darstellen w\u00fcrde. Darum habe ich zu meinem Geburtstag 39 Dinge gesammelt, die ich heute anders sehe als fr\u00fcher. Manche sind Erkenntnisse, die lange gebraucht haben. Andere sind banal. Einige nehme ich sehr ernst, bei anderen muss ich selbst ein bisschen schmunzeln. Und wahrscheinlich werde ich einige davon mit 49 wieder anders sehen.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list ol1\">\n<li>Man kann jemanden lieben und gleichzeitig w\u00fctend auf diesen Menschen sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Entt\u00e4uscht zu sein bedeutet manchmal auch, dass meine Erwartungen nicht realistisch waren.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich muss nicht jede Version von mir f\u00fcr immer bleiben.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich darf meine Meinung \u00e4ndern. Auch bei Dingen, bei denen ich fr\u00fcher sehr \u00fcberzeugt war.<\/li>\n\n\n\n<li>Verantwortung zu \u00fcbernehmen bedeutet nicht, auf alles eine Antwort haben zu m\u00fcssen.<\/li>\n\n\n\n<li>Fehler zuzugeben macht einen nicht automatisch weniger kompetent.<\/li>\n\n\n\n<li>Nicht aus jeder guten Idee muss ein Projekt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Und nicht aus jedem Projekt muss etwas Grosses werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Etwas f\u00fcr 20 Menschen zu machen kann genauso sinnvoll sein wie etwas f\u00fcr 20\u2019000.<\/li>\n\n\n\n<li>Man darf etwas einfach machen, weil es Spass macht.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich muss mich nicht f\u00fcr eine Sache entscheiden, die mich definiert.<\/li>\n\n\n\n<li>Erwachsene improvisieren erschreckend viel.<\/li>\n\n\n\n<li>Man kann gleichzeitig dankbar f\u00fcr sein Leben sein und sich w\u00fcnschen, dass manches anders w\u00e4re.<\/li>\n\n\n\n<li>Gl\u00fcck f\u00fchlt sich viel unspektakul\u00e4rer an, als ich fr\u00fcher erwartet habe.<\/li>\n\n\n\n<li>Rituale werden mit zunehmendem Alter wichtiger statt langweiliger.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Vergangenheit erkl\u00e4rt einiges, aber sie entscheidet nicht automatisch \u00fcber die Zukunft.<\/li>\n\n\n\n<li>Es gibt Entscheidungen, bei denen man nie erfahren wird, ob die Alternative besser gewesen w\u00e4re.<\/li>\n\n\n\n<li>Zu Hause bleiben kann ein vollkommen gelungener Samstagabend sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Bequeme Schuhe sind wichtiger geworden, als mein j\u00fcngeres Ich akzeptiert h\u00e4tte.<\/li>\n\n\n\n<li>Man braucht erstaunlich wenig Besitz \u2013 und schafft es trotzdem, erstaunlich viel anzusammeln.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein freier Nachmittag ohne Plan ist kein verschwendeter Nachmittag.<\/li>\n\n\n\n<li>Man darf Dinge m\u00f6gen, die andere albern finden.<\/li>\n\n\n\n<li>Geburtstage m\u00fcssen sich nicht bedeutsam anf\u00fchlen, um bedeutsam zu sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Es ist m\u00f6glich, zwei widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle gleichzeitig zu haben \u2013 ohne dass eines davon falsch ist.<\/li>\n\n\n\n<li>N\u00e4he entsteht nicht unbedingt dadurch, m\u00f6glichst viel Zeit miteinander zu verbringen.<\/li>\n\n\n\n<li>Liebe zeigt sich erstaunlich oft in vollkommen unspektakul\u00e4ren Dingen.<\/li>\n\n\n\n<li>Es ist leichter, anderen einen Neuanfang zuzugestehen, wenn man sie nicht st\u00e4ndig an ihre Vergangenheit erinnert.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Entscheidung muss nicht f\u00fcr immer gelten, um heute richtig zu sein.<\/li>\n\n\n\n<li>Manchmal bemerkt man erst im R\u00fcckblick, dass man gerade eine ziemlich wichtige Zeit erlebt hat.<\/li>\n\n\n\n<li>Man darf stolz auf etwas sein, ohne es sofort relativieren zu m\u00fcssen.<\/li>\n\n\n\n<li>Neugier ist mir inzwischen wichtiger als Recht haben.<\/li>\n\n\n\n<li>Meine erste Reaktion ist nicht immer meine eigentliche Meinung.<\/li>\n\n\n\n<li>Menschen brauchen nicht immer eine L\u00f6sung. Manchmal brauchen sie jemanden, der die Situation mit ihnen aush\u00e4lt.<\/li>\n\n\n\n<li>Helfen bedeutet nicht automatisch, etwas f\u00fcr jemanden zu erledigen.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich darf Dinge bauen, schreiben oder gestalten, obwohl andere es besser k\u00f6nnten.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich m\u00f6chte nicht j\u00fcnger sein. Ich m\u00f6chte nur manchmal mehr Zeit haben.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich f\u00fchle mich nicht wie 39. Aber ich weiss auch nicht, wie 39 sich eigentlich anf\u00fchlen sollte.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich muss nicht der Mensch werden, den ich mir mit 20 vorgestellt habe.<\/li>\n\n\n\n<li>39 ist viel weniger alt, als 20-j\u00e4hrige Menschen glauben.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Wenn ich diese Liste anschaue, f\u00e4llt mir auf, dass sie gar nicht besonders gut als Liste von Lebensweisheiten taugt. Zum Gl\u00fcck. Denn ich m\u00f6chte mit 39 ganz bestimmt keine 39 Regeln dar\u00fcber aufstellen, wie man sein Leben richtig lebt. Es sind Momentaufnahmen. Dinge, die ich heute glaube. Dinge, die meine Erfahrungen mit mir gemacht haben. Manche davon habe ich auf angenehme Weise gelernt, andere weniger. Einige h\u00e4tte mir vermutlich schon vor zwanzig Jahren jemand sagen k\u00f6nnen und ich h\u00e4tte trotzdem meine eigenen Umwege gebraucht, um sie wirklich zu verstehen. Vielleicht gef\u00e4llt mir gerade das am \u00c4lterwerden zunehmend: Ich muss meinem fr\u00fcheren Ich nicht st\u00e4ndig vorwerfen, dass es Dinge noch nicht wusste. Es wusste eben das, was es damals wissen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Und das gilt auch andersherum. Mein heutiges Ich weiss nicht, was mein zuk\u00fcnftiges einmal wissen wird. Vielleicht werde ich mit 49 \u00fcber einige Punkte auf dieser Liste lachen. Vielleicht werde ich einen davon lesen und denken: Wie konnte ich davon nur so \u00fcberzeugt sein? Vielleicht kommen Dinge dazu, die ich mir heute noch \u00fcberhaupt nicht vorstellen kann. Das hoffe ich sogar. Denn ich m\u00f6chte nicht an einem Punkt ankommen, an dem meine Ansichten fertig sind. Ich m\u00f6chte neugierig bleiben. Mich \u00fcberraschen lassen. Meine Meinung \u00e4ndern k\u00f6nnen. Fehler machen und daraus manchmal tats\u00e4chlich etwas lernen. Neue Dinge ausprobieren, obwohl andere sie besser k\u00f6nnen. Und weiterhin feststellen, dass manches im Leben gleichzeitig sch\u00f6n und schwierig sein darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">39 f\u00fchlt sich f\u00fcr mich deshalb weniger wie eine Bilanz an als wie ein Zwischenstand. Ich m\u00f6chte nicht wieder 20 sein. Wirklich nicht. Ich w\u00fcrde h\u00f6chstens gerne etwas von der Zeit zur\u00fcckhaben, die damals scheinbar unbegrenzt vor mir lag. Gleichzeitig m\u00f6chte ich aber auch nicht auf all das verzichten, was zwischen 20 und 39 passiert ist. Auf das Sch\u00f6ne genauso wenig wie auf manches, das ich mir lieber erspart h\u00e4tte. All das geh\u00f6rt inzwischen zu mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Und so starte ich heute in mein vierzigstes Lebensjahr. Nicht fertig, nicht mit allen Antworten und ziemlich sicher auch nicht mit der endg\u00fcltigen Version dieser Liste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Aber immerhin mit bequemen Schuhen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p3 wp-block-paragraph\">Und das ist doch schon mal etwas.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute werde ich 39. Ich weiss nicht genau, wie sich 39 anf\u00fchlen sollte. Vermutlich ist das bereits eine meiner Erkenntnisse der letzten Jahre: Die meisten Alterszahlen f\u00fchlen sich von innen erstaunlich unspektakul\u00e4r an. Als Kind hatte ich ziemlich klare Vorstellungen davon, wie Erwachsene mit 30, 40 oder 50 sein w\u00fcrden. 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